Sparen muss nichts kosten
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Berlin_maximal. 07.08.2009 Dr. Jochen Palenker, Finanzdezernent der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Interview mit Dr. Jochen Palenker zum Thema Wirtschaftsberater im einem Büro der Gemeinde in Berlin.
© Mike Wolff |
Als Gast der jüdischen Gemeinde zu Berlin bekommt man Mineralwasser im Pappbecher serviert. Vielleicht ist das Teil des Geheimnisses, mit dem sie es geschafft hat, jährlich mehr als 300 000 Euro einzusparen: Billiges Plastik statt geschliffenem Glas. Die Gemeinde muss „sparen, bis es quietscht“, zitiert der Finanzdezernent der Gemeinde, Jochen Palenker, Berlins Ex-Senator Thilo Sarrazin. Aber an den Getränken, beteuert er, spare man nicht. „Wasser aus dem Plastikbecher ist koscher. Warum genau, weiß ich auch nicht. Mit unserem Sparprogramm hat das jedenfalls nichts zu tun“, lacht er.
Palenker war Anfang 2008 auf diesen Posten berufen worden. „Man suchte einen Sanierer“, sagt er. Die Gemeinde mit einem Jahresumsatz von rund 25 Millionen Euro schrieb rote Zahlen. Wie andere Körperschaften des öffentlichen Rechts spürt aber auch diese Institution den wachsenden Druck, wie ein „normales“ Unternehmen zu wirtschaften. „Meine Aufgabe war es zunächst, die Defizit-Zentren zu isolieren“, sagt Palenker. Ein Tabu gab es allerdings: die Zahl der Mitarbeiter. Rund 380 beschäftigt die Gemeinde. Und das nicht nur in Gemeindehaus in der Fasanenstraße in Charlottenburg und Verwaltung der Oranienburger Straße. Sie betreibt auch die Heinz-Galinski-Grundschule, die jüdische Oberschule, eine Kindertagesstätte und mehrere Friedhöfe. Nach streng betriebswirtschaftlichen Kriterien braucht man dafür vielleicht nicht 380 Mitarbeiter, aber eine Gemeinde ist eben doch mehr als ein Unternehmen: Ein Stück Heimat. Die Gemeinde ist auch erster Anlaufpunkt für viele seit der Wende aus Osteuropa zugezogene Juden.
Ich hätte schlecht vermitteln können, warum wir Hunderttausende für Berater ausgeben
Palenker musste also andere Stellschrauben finden und erhielt dabei Hilfe durch das Unternehmen Expense Reduction Analysts (Kostensenkungsanalysten). Das Geschäftsmodell des 1992 in Großbritannien gegründeten Beraternetzwerkes leuchtete den meisten Gemeindevorständen schnell ein: Expense Reduction Analysts (ERA) schickt Berater ins Haus, die in der Buchhaltung des Kunden vor allem nach Posten suchen, die nicht zum Kerngeschäft gehören. Sie überprüfen Verträge mit dem Reinigungsservice, den Lieferdiensten, Druckereien, Versicherungen. Sind die Verträge noch zeitgemäß? Gegebenenfalls verhandeln die Berater nach oder raten dem Auftraggeber zur Kündigung und zum Wechsel zu einem günstigeren Konkurrenten. So gelingt es den ERA-Beratern nach eigenen Angaben, die Kosten im Schnitt um 20 Prozent zu senken. Das Beste daran ist: Den Auftraggeber kostet die Beratung zunächst nichts. Im Gegenzug erhält ERA über einen Zeitraum von 18 Monaten die Hälfte der durch die Maßnahmen eingesparten Summe. „Das Angebot halte ich für fair“, sagt Palenker. „Außerdem hätte ich den Gemeindevorständen schlecht vermitteln können, warum wir viele Hunderttausende Euro für Berater ausgeben sollen, obwohl wir doch sparen wollen.“
Bei den Einsparungen war es der Gemeinde wichtig, dass die Qualität nicht leidet, sagt Palenker und nennt zum Beispiel das Catering: Da fanden die Berater einen neuen Anbieter, der die beiden Schulen und die Kita mit koscher zubereiteten Gerichten beliefern wollte, und das für 40 000 Euro weniger im Jahr als der alte Anbieter. Die Berater wollten den in der Ausschreibung genannten Preis weiter drücken. Da zog Palenker die Notbremse. „Wir wollten nicht, dass ERA die Firma noch tiefer handelt. Wir wollen Qualität.“ Egal, welche Vorschläge die Berater machten, die Gemeinde behielt das letzte Wort.
Die größten Einsparungen erzielte sie bei der Gebäudereinigung. Die Analysten haben einfach die zu reinigende Fläche
ausgemessen und festgestellt, dass diese in den alten Verträgen deutlich zu hoch veranschlagt war. Es wurde neu verhandelt, am Ende gab sich die Reinigungsfirma kompromissbereit. Viel Geld konnte die Gemeinde auch bei den Versicherungen einsparen. Wie viele Privatleute hatte sich auch auch die Gemeinde zu lange auf einen Versicherungsberater verlassen – der aber mitnichten die besten Angebote vermittelte. Jetzt sieht sich die Gemeinde auf gutem Weg zu einer positiven Bilanz.
Kevin P. Hoffmann
Aus der Ausgabe 9 / 2009
