Das Büro der Zukunft
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Zusammen statt allein: Die Nutzer des Betahauses teilen Büro und Ideen. Foto: Kitty Kleist-Heinrich |
Auf dem Tisch stehen Brötchen, Wurst, Käse. Neben den Tellern liegen Visitenkarten. Draußen wehen Flaggen mit der Aufschrift „Büro- und Gewerbeflächen zu vermieten“, aber das interessiert hier drinnen niemanden, sie haben sich schon einen Schreibtisch gemietet. Das wöchentliche Frühstück im Betahaus hat gerade begonnen, eine Möglichkeit, die anderen kennen zu lernen, die immer neben einem sitzen oder denen man im alten Lastenaufzug begegnet.
Sie alle haben eins gemeinsam: Sie sind selbstständig, Freischaffende, die nicht zu Hause allein für sich und isoliert arbeiten wollen. Um sich zu vernetzen und auszutauschen, sitzen sie nun im Betahaus an der Oranienstraße in Kreuzberg zusammen beim Frühstück. Eingemietet haben sich Gründer, Journalisten, Grafiker, Produktdesigner, Drehbuchschreiber, die meisten um die 30 Jahre, die einen auf Dauer, andere sind nur auf der Durchreise.
Es gab keinen Ort wie diesen, also haben wir es selbst gemacht
Damit es nicht zu anonym wird unter den bisher 120 eingemieteten Nutzern, gibt es neben dem digitalen Hausnetzwerk und bunten Infobrettern auch das wöchentliche gemeinsame Frühstück. Jeder stellt sich vor, Moritz Waldstein, Martin Elwert und Robert Rudnick nutzen die Gelegenheit, mit einer Powerpoint-Präsentation ihre Geschäftsidee vorzustellen und diese anschließend zur Diskussion zu stellen. Alle sollen ihre Meinung sagen und Denkanstöße geben. Jobs sind auch noch zu vergeben, sogar bezahlt.
„Hier sitzen die Leute, die die Trends setzen“, sagt Martin Elwert. Der 28-Jährige war früher Unternehmensberater, wie seine zwei Mitstreiter, in Zukunft wollen sie Kaffee direkt von den Bauern aus Äthiopien importieren und als Lifestyleprodukt mit Wohlfühlgarantie verkaufen. Dabei sollen mit den Verkaufserlösen Hilfsprojekte vor Ort unterstützt werden. Um die Kosten für ein Büro zu sparen, haben sie sich im Betahaus eingemietet. Aber auch, weil sie von dem Potenzial profitieren wollten, das da um sie herum an Laptopbildschirmen sitzt und arbeitet. Und es funktioniert, nach der Präsentation am Frühstücksstisch wird diskutiert über Marketingstrategien und mögliche Schwierigkeiten, einer bietet an, den Imagefilm zu drehen.
Adresse: Prinzessinnenstr. 19–20, 10969 Berlin
Das Haus verfügt über 150 Arbeitsplätze und stellt Konferenzräume zur Verfügung. Das Monatsticket kostet 129 Euro, die Tageskarte 12 Euro, ein fester Arbeitsplatz 229 Euro. www.betahaus.de
Die Idee für das Betahaus entstand quasi aus der Not heraus: Sechs junge Kreative, die bereits im oder nach dem Studium als Freie im Designbereich, der Unternehmensberatung oder Webprojekten arbeiteten, suchten nach einem geeigneten Arbeitsplatz. „Es gab keinen Ort wie diesen, also haben wir es selbst gemacht“, sagt Madeleine von Mohl, eine der Gründerinnen. Nun bieten sie alles, was viele in ihrer Selbstständigkeit vermissen: eine Arbeitsinfrastruktur mit Kopierer, Drucker, Tisch und Stuhl, Kollegen, Ein- und Ausgangsfächern für die Post, Internet, Konferenzräumen, Telefonzimmer und einem Café im Erdgeschoss, dem Kantinenersatz. „Hier müssen sich die Leute um nichts kümmern“, sagt von Mohl über die Firmenkopie für Freie. Sogar der Kaffee wird ihnen gebracht, um elf und um 16 Uhr geht das Cafépersonal von Tisch zu Tisch.
Auf 1000 Quadratmetern kann jeder auswählen, welches der Tarifmodelle das richtige für ihn ist. Ob 79 Euro für 12 Tage im Monat oder das Monatsticket für 129 Euro, klassische Bürozeiten von neun bis 18 Uhr inklusive. Ein Schlüssel und uneingeschränkter Zugang zu den 150 zur Verfügung stehenden Arbeitsplätzen kosten zwischen 99 und 179 Euro, die teuerste Variante von 229 Euro bietet einen festen Arbeitsplatz.
Seit einem Jahr gibt es das Betahaus, das früher Druckerei und Putzlappenfirma war, vor kurzem war Geburtstagsparty. Ausgeschöpft haben sie ihre Ideen aber noch nicht, die Gründer wollen nach den drei Etagen noch weiter ausbauen und darüber abgetrennte Büros für Start-ups anbieten, seit kurzem sind sie auf Mietersuche, 14 Euro kostet der Quadratmeter.
Die Betahausgründer haben eine Marktlücke entdeckt in der sich verändernden Arbeitswelt. Und nicht nur in Berlin geht das Konzept auf, mit dem sie seit Herbst schwarze Zahlen schreiben. Im Juni soll ein Ableger in Hamburg eröffnen, noch in diesem Jahr einer in Zürich, auch in Lissabon kann schon ein Schreibtisch reserviert werden. Während im Berliner Betahaus einige Nutzer bereits manchmal nach einem Arbeitsplatz suchen müssen, schreiben andere Mails, wie nötig sie solch eine Einrichtung doch auch in
ihrer Stadt hätten. „Wir bieten hier nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern wir wollen eine Community aufbauen von Freischaffenden, die sich austauschen und in Projekten zusammenfinden“, sagt von Mohl. Genau wie die Jungs vom Frühstückstisch, die nicht nur Visitenkarten zugesteckt bekommen, sondern auch Ideen und potenzielle Mitarbeiter gefunden haben.
Saskia Weneit
Aus der Ausgabe 5 / 2010
