Überwachung aus dem All

Der Brandenburger Dienstleister Rapid Eye wertet Satellitendaten aus. Mit den Bildern lassen sich etwa Ernteprognosen erstellen
Weltraum an Erde: Eine Satellitenschüssel auf dem Dach von Rapid Eye
Foto: Thilo Rückeis

Vom Weltraumbahnhof in Kasachstan starteten 2008 fünf Brandenburger Satelliten ins Weltall. Choma, Tachys, Mati, Trochia und Chroros der Firma Rapid Eye AG befinden sich seither auf ihrer Umlaufbahn in 630 Kilometern Höhe über der Erde. Die Namen stammen aus dem Griechischen und bedeuten: „Schnell“, „Auge“, „Orbit“, „All“ und „Erde“. Die kühlschrankgro-ßen Objekte kreisen jeweils 15 Mal am Tag um die Erde und schießen dabei Digitalbilder.

„Die Technologie ist nicht neu“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Rapid Eye AG, Wolfgang Biedermann. Innovativ sei die Kombination von fünf Geräten. Erst die Kombination der Satelliten ermögliche die technischen Voraussetzungen, einmal täglich nahezu jeden Punkt der Erde aufzunehmen. Nun würden Veränderungen am Boden kurzfristig erfasst. „Insgesamt lichten wir täglich Flächen ab, die mehr als elf Mal so groß wie Deutschland sind“, sagt Biedermann. „Anders als Google Maps stellen wir die Bilder nicht nur zur Verfügung, sondern werten sie auch aus. Wir veredeln die Daten.“

Rapid Eye ist eine von 15 Firmen und Forschungseinrichtungen in der Region, die sich in der Raumfahrtinitiative Berlin-Brandenburg (RIBB) zusammengeschlossen haben. Insgesamt 500 Ingenieure und Wissenschaftler arbeiten in diesen Einrichtungen. Der Senat Berlin unterstützt die RIBB, indem er die Stelle eines Koordinators finanziert. 

„Die Region Berlin-Brandenburg ist weltweit führend im Bereich der Satelliten mit einem Gewicht zwischen einem und 150 Kilogramm“, sagt Tom Segert, Innovationsmanager der RIBB. „Es gibt weltweit vielleicht vier Regionen, die ähnliche technologische Kapazitäten haben. In Berlin und Brandenburg wird die komplette Wertschöpfungskette abgedeckt: vom Bau der einzelnen Komponenten des Satelliten bis zur Auswertung der Bilddaten.“ Der Umsatz sowie die eingeworbenen Drittmittel der RIBB umfassen jährlich eine Summe von etwa 40 Millionen Euro, sagt Segert, und die Wachstumsrate liege seit 2006 bei etwa 25 Prozent pro Jahr.

Erdbeben - Nach der Katastrophe in Chile lieferte die Firma kostenlos Daten

Hinter der Backsteinfassade eines ehemaligen Brauereilagers in Brandenburg an der Havel wird Rapid Eyes Einzug in die Geschichte der Raumfahrt koordiniert. Die Satelliten werden über die Antenne auf dem Dach des Firmengeländes gesteuert.

Interesse an den Satellitendaten bestehe zum Beispiel im landwirtschaftlichen Bereich, erläutert Geschäftsführer Biedermann. Indem man die digitalen Bilder mit weiteren Datensätzen verrechne, sei es möglich, Erkenntnisse über die Entwicklung der Pflanzen zu gewinnen und Ernteprognosen zu erstellen. „Unser Kerngeschäft besteht im schnellen Erkennen und Interpretieren von Veränderungen auf der Oberfläche der Erde. Wir können zum Beispiel auch drohende Umweltschäden für Wälder erkennen“, erläutert der Vorstandsvorsitzende. Eine weitere mögliche Anwendung ist die Überwachung von Pipelines. Ab etwa 100 Hektar Fläche mache eine individuelle Auswertung der Aufnahmen Sinn. Dafür werden ein bis zehn Euro je Hektar berechnet.

Firmeninfo
| Rapid Eye AG |
Vorstandsvositzender:
Wolfgang Biedermann
Adresse: Molkenmarkt 30,
14776 Brandenburg an der Havel
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 122
Telefon: 03381 / 890 41 00
Web: www.rapideye.de

Ein Bildpunkt der Kameras entspricht der Kantenlänge von 6,5 Metern. Menschen und Autos sind auf den Aufnahmen nicht zu erkennen, Häuser hingegen schon. Die Kameras bilden die Erdoberfläche in den Farben Blau, Grün, Rot sowie in den Bereichen Nahes Infrarot und Red Edge ab. Der Red-Edge-Kanal der Kameras, den Rapid Eye erstmals kommerziell einsetzt, informiert über den Chlorophyllgehalt von Pflanzen. „Mit ihm lassen sich Aussagen über die Vitalität der Vegetation in der betreffenden Region treffen“, sagt Biedermann.
 
Interessant sind die Daten ebenfalls für Versicherungen oder Hilfsorganisationen, um nach Naturkatastrophen Schäden zu berechnen. Nach dem Erdbeben in Chile im Februar stellte Rapid Eye beispielsweise kostenlos Daten zur Verfügung, auf denen klar zu sehen ist, welche Regionen im Landesinneren überflutet wurden. Flächen, die auf archivierten Bildern Häuser und Vegetation zeigen, sind nun blau-grau. Innerhalb von sechs Stunden nach dem Beben hätten die Bilder zur Verfügung gestanden, sagt Biedermann, das Technische Hilfswerk habe sie dankend genutzt, um seine Einsatzstrategie zu planen.

Gegründet wurde die Firma 1998 in München. „München ist ein teures Pflaster für Start-up-Unternehmen“, sagt Biedermann. Das Angebot von Fördermitteln motivierte den Betrieb 2004 zum Umzug nach Brandenburg an der Havel. Die Investitionssumme lag bei knapp 160 Millionen Euro. Ein weiterer Standortvorteil der Region überzeugte Biedermann: Die zahlreichen Möglichkeiten im Raum Potsdam, sich im Bereich der Geowissenschaften zu vernetzen. Rapid Eye kooperiert zum Beispiel mit der Fachhochschule Brandenburg, der Universität Potsdam und dem Geo-Forschungszentrum Potsdam.

Annette Leyssner


Aus der Ausgabe 7 / 2010

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