Mit fremden Federn

Sie schreiben Dissertationen, Bücher und Reden: Ghostwriter leben davon, für andere Texte zu produzieren. Nicht alles ist legal
Schreibgeschäft: Ghostwriter texten, damit andere das Ergebnis nutzen können. Foto: ddp

Seit der Diskussion um den aberkannten Doktortitel von Karl-Theodor zu Guttenberg genießt das Handwerk der Auftragsschreiber viel Aufmerksamkeit. So häufen sich bei Karl-Heinz Smuda die Anfragen, ob er wissenschaftliche Arbeiten aller Art schreiben wolle. Doch für diese Dienstleistung ist der Berliner Ghostwriter nicht zuständig. Stattdessen greift er Studenten als Lektor unter die Arme und ist bei Korrekturen behilflich.

Studenten, die ihre Arbeiten von anderen schreiben lassen, „betrügen ihre Professoren, die Prüfungsämter und sich, wenn sie eines Tages die Bilanz ihrer Lebensleistung ziehen, das ist nicht clever“, erklärt Smuda, der seit 35 Jahren im Geschäft ist. Ghostwriting heißt für ihn: Inhalte gliedern, recherchieren und schreiben, und zwar als Buchautor. Durch die Affäre hat sich seine Auftragslage in den vergangenen vier Wochen verdreifacht.

In der Regel seien die Auftraggeber Privatleute oder Unternehmer, die ein eigenes Buch präsentieren wollen. Diesen fehlen meist die Zeit und die Schreiberfahrung, um ihre Geschichte selbst zu Papier zu bringen. „Ich erbringe deshalb eine Dienstleitung wie ein Handwerker, der spezielle Fähigkeiten hat“, sagt Smuda. Für ein Buch veranschlagt er eine Arbeitszeit von fünf bis acht Wochen und ein Honorar ab 7500 Euro. An einer Doktorarbeit verdienen Vertreter der Branche etwa 25 000 Euro.

Ghostwriter sind Autoren, die im Namen einer anderen Person schreiben. Sie werden im Auftrag eines Verlages, einer Agentur oder eines im Titel genannten Autors tätig, wenn dieser den Text nicht selbst schreiben will. Sie schreiben beispielsweise Biografien von prominenten Persönlichkeiten, Firmenporträts sowie Reden von Politikern und anderen Personen des öffentlichen Lebens. Allerdings sagt die Berufsbezeichnung Ghostwriter nichts über die vorhandenen Fähigkeiten aus.

Firmeninfo
| Karl-Heinz Smuda |
Lektor/Autor/Journalist:
Karl-Heinz Smuda
Adresse: Bernhardstraße 2,
10715 Berlin
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: 1
Telefon: 030 / 39 93 32 73
Web: www.smuda-berlin.de

Für angehende Redenschreiber, die sich nicht als Ghostwriter bezeichnen wollen, bietet die Weiterbildungsgesellschaft der Industrie- und Handelskammer Bonn eine zertifizierte Weiterbildung zum „professionellen Redenschreiber“ an. Kathrin Rohnstock machte aus dem Schreiben für andere eine Geschäftsidee und gründete 1998 ihre Firma „Rohnstock Biografien“ in Pankow. Heute beschäftigt sie acht feste Mitarbeiter und zusätzliche freie Schreiber. Ihre Ghostwriter heißen Autobiografiker. Diese bringen die persönlichen Geschichten von häufig älteren Menschen, die ihren Enkeln etwas hinterlassen wollen, sowie die Erlebnisse von Unternehmern oder ganze Firmengeschichten in Buchform.

Während viele Ghostwriter anonym ihre Dienste im Anzeigenteil von Stadtmagazinen oder mit Aushängen an schwarzen Brettern der Hochschulen anbieten, treten sie im Internet ganz offen auf. So ist für den Ghostwriter Harald Bahner, der „Unter den Linden“ mit seinem Büro vertreten ist, das Verfassen wissenschaftlicher Texte ein fester Bestandteil seiner Dienstleistungen, von Haus- und Seminararbeiten über Bachelor-, Master-, Diplom-, Magister- und Staatsexamensarbeiten bis hin zu Doktorarbeiten. Wer nicht gleich eine komplette Arbeit in Auftrag geben möchte, kann sich von Bahner beim Schreiben wissenschaftlicher Arbeiten auch coachen lassen. Sein Berliner Kollege Claus Hebell scheut auch nicht davor zurück, mit wissenschaftlichen Arbeiten sein Honorar zu verdienen.

Der Deutsche Hochschulverband, die Interessenvertretung der Professoren, deutete schon 2003 auf ein großes „Problem mit wachsendem Ausmaß“ hin. „Das ist kein Kavaliersdelikt“, sagte Geschäftsführer Michael Hartmer. Auch der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, warnt davor, Plagiate in der Wissenschaft zu verharmlosen. Denn wer eine Arbeit von Ghostwritern schreiben lässt, obwohl er eine eidesstattliche Erklärung unterzeichnet hat, dass seine wissenschaftliche Arbeit ohne fremde Hilfe verfasst wurde, macht sich strafbar.

Katja Gartz


Aus der Ausgabe 4 / 2011

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