Lehrstellen

Kopfgeld für Top-Azubis

Vielen Mittelständlern fällt es schwer, passende Auszubildende zu finden. Dienstleister bieten Hilfe bei der Suche
Hoch motiviert? Den richtigen Azubi zu finden, fällt vielen Firmen schwer. Foto: dpa
Im vergangenen Jahr war es besonders schlimm. Da waren die ersten drei Azubis schon nach einem Monat weg. Sie kamen am nächsten Morgen einfach nicht wieder. „Die Arbeitsmoral hat mittlerweile nachgelassen“, klagt Nadja Koziol von der Novo Gastronomie GmbH. Das Unternehmen betreibt die Lokale „Brechts Restaurant“ und „Die Berliner Republik“ am Schiffbauerdamm im Epizentrum des touristischen Berlin. Man könne sich solche Ausfälle nicht leisten. Außerdem sei es schade – für die engagierten Jugendlichen, die ohne Lehrstelle bleiben. Wie findet man den passenden Azubi? Diese Frage treibt immer mehr kleine und mittelständische Betriebe auch in der Hauptstadtregion um. Denn das Verhältnis von Angebot und Nachfrage auf dem Ausbildungsmarkt wandelt sich. Im Mai waren bei der Agentur für Arbeit in Berlin 8944 offene Ausbildungsstellen gemeldet – 684 mehr als im Mai des Vorjahres. Die Zahl der Suchenden sank innerhalb eines Jahres um gut 7100 auf knapp 21 000. Die Zahlen sagen zwar nur bedingt etwas aus, weil nicht alle Betriebe ihre offenen Stellen der Arbeitsagentur melden.

„Dennoch sehen wir, dass sich auch ein demografischer Wandel vollzieht“, sagt Olaf Möller, Sprecher der Arbeitsagentur in Berlin. Schon jetzt, spätestens aber in zwei Jahren, mache sich der Geburtenknick der Nachwendejahre bemerkbar. „Bald müssen sich nicht mehr die Schüler bei den Unternehmen bewerben, sondern die Firmen bei den Schülern.“ Früher genügte noch eine Zeitungsanzeige oder ein Aushang im Geschäft und es meldeten sich genügend Bewerber. „Heute muss man mehr tun“, sagt Möller.
Er rät Betrieben, offene Stellen in jedem Fall bei der Arbeitsagentur zu melden oder etwa bei den kostenlosen Lehrstellenbörsen der Industrie- und Handelskammer (IHK). Auch dort spürt man die wachsende Sorge der Kleinunternehmer, die über keine straff organisierte Personalabteilung verfügen wie die Konzerne. „Die großen Namen ziehen immer, die haben weiter gute Bewerberzahlen“ sagt Gerd Woweries von der Berliner Industrie- und Handelskammer. „Die Ausbildung dort ist aber nicht zwingend besser.“ Schließlich gebe es Weltmarktführer für spezielle Branchen, die kaum ein Schüler kenne.

"Wir sehen, dass sich ein demographischer Wandel vollzieht"
Olaf Möller, Sprecher der Agentur für Arbeit


Die IHK hat das Projekt „Passgenauer Vermitteln“ gestartet. Denn es gelte nicht, den guten oder schlechten Bewerber zu finden, sondern eben den passenden. Auch erste kommerzielle Unternehmen helfen dabei, wie das Berliner Unternehmen Younect. Dort können Schüler kostenlos ein Online-Profil erstellen und Fragen zu ihrer Persönlichkeit ausfüllen. Unternehmen können einen Fragenkatalog hinterlegen. Die Datenbank führt Firma und Azubi – ähnlich einer Partnervermittlungsagentur – zusammen.
Wenn eine Firma glaubt, den passenden Bewerber gefunden zu haben, kann sie die Kontaktdaten des Schülers gegen eine Gebühr von 119 Euro anfordern. Die Daten von 15 Bewerbern gibt es für 999 Euro.
Younect-Geschäftsführer Martin Gaedt ist überzeugt davon, dass Unternehmen zunehmend bereit sind, derartige Preise zu bezahlen – zumal die Gebühr erst fällig wird, wenn der potenzielle Bewerber aus Interesse an einem Jobangebot der Firma seine Kontaktdaten freischaltet. Gaedt zitiert Umfragen, wonach Schüler im Schnitt gerade mal 20 der derzeit 344 offiziellen Ausbildungsberufe kennen. Und in den meisten Datenbanken sind die dann auch noch von A bis Z sortiert. „Das ist so sinnvoll, als würde man die Produkte im Supermarkt alphabetisch sortieren.“   

Gaedt glaubt, sein Angebot könne helfen, die Ausbildungs-Abbrecherquote von derzeit 26 Prozent in Berlin zu senken. Auch immer mehr private Arbeitsvermittler vermitteln Jugendliche an Betriebe. „Allerdings ist das eher ein Zusatzservice, den man Betrieben anbietet, mit denen man lange zusammenarbeitet“, sagt Ralf Leps, Arbeitsvermittler aus der Ackerstraße in Berlin-Mitte. Wenn etwa ein Hotel einen Azubi sucht, hört er sich auch im privaten Umfeld um oder bei Sportvereinen, zu denen er gute Kontakte pflegt. „Wirklich Geld verdienen kann ich damit aber nicht“, sagt er – auch weil es für Auszubildende keine Vermittlungsgutscheine gibt. Manchmal zahlen Firmen ihm eine Erfolgsprämie, wenn sich ein Azubi später als Glücksgriff erweist. Um auszuschließen, dass ein Bewerber ein kompletter Fehlgriff ist, laden Firmen zunehmend zur Arbeit auf Probe ein – gegen ein Taschengeld, versteht sich.

Firmeninfo
| Novo Gastronomie GmbH |
Das Unternehmen sucht zurzeit
vier Auszubildende

Geschäftsführer: Frank Heelemann
Adresse: Schiffbauerdamm 8,
10117 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 40
Telefon: 030 / 28 59 85 85
 Web: www.schiffbauer.de

 
Auch der Restaurantbetreiber Novo Gastronomie testet die Bewerber bis zu vier Wochen in einem Praktikum. „Wer das durchhält, den bilden wir dann aber gern zu einem richtig guten Koch aus“, sagt Nadja Koziol.

Kevin Hoffmann


Aus der Ausgabe 6/2008   
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