Versöhnen statt spalten?
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Landwehrkanal, Kreuzberg: Beim Streit um die Sanierung mischen 25 Parteien mit. Foto: ddp |
Die Nachbarn hassen den Investor schon, bevor er zu bauen begonnen hat. Am anderen Ende der Stadt gibt es Streit, weil eine Baufirma Tropenholz auf einer Terrasse verlegt hat, der Mieter aber Umweltschützer ist und seine Hausverwaltung nur um „passende Holzverkleidung“ gebeten hatte. Die Anwohner des Kreuzberger Landwehrkanals wehren sich gegen ein Amt, von dem sie sagen, dass es ihnen die Wohnqualität vermiest.
In einer Metropole ringen konkurrierende Interessen andauernd miteinander. Beim aktuellen Streit um die Sanierung des Kanalufers in Kreuzberg mischen 25 Parteien mit: Allen voran das Wasser- und Schifffahrtsamt (WSA), das die Ufer sanieren und dafür bis zu 200 Bäume fällen wollte, die Reedereien, die die Sanierung unterstützen und die Bürgerinitiative, die das Projekt bekämpfen.
Um die wütenden Proteste der Anwohner im Zaum zu halten, rückten 2007 Polizisten in Kreuzberg an. Da half nur noch eines: Mediation. Das lateinische Wort für Vermittlung bezeichnet ein freiwilliges Verfahren zur konstruktiven Beilegung eines Konfliktes. Die Streitparteien, Medianten genannt, wollen mit Unterstützung einer unparteiischen Person, dem Mediator, zu einer einvernehmlichen Vereinbarung gelangen.
Vertraulichkeit ist immens wichtig. Es darf wenig nach
außen dringen
„Für das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin war das Neuland“, sagt Evelyne Bodenmeier, die vom WSA eigens für die Kommunikation mit der Bürgerinitiative „Bäume am Landwehrkanal“ ins Boot geholt worden ist. Die Sprachwissenschaftlerin will „die Codes und Chiffren“ der jeweils anderen Seite verständlich machen.
Ursprünglich hatte das Amt von 200 Bäumen gesprochen, die gefällt werden müssten. „Diese Zahl zu nennen, war unnötig und hat die Anwohner provoziert“, sagt Bodenmeier. Bis jetzt seien 38 Bäume gefällt worden, ein eigens eingesetzter Pate überwacht als Ergebnis der Mediation die Arbeit des Amtes.
Zwischen Amt und Anwohnern vermittelt Beate Voskamp. Die Landschaftsarchitektin arbeitet seit Jahren als Mediatorin. Zwei Tage in der Woche beschäftigt sie sich mit dem Streit um den Landwehrkanal. Sonst vermittelt Voskamp häufig für die Architektenkammer. Bei Gemeinschaftsprojekten zwischen zwei Firmen wird in Verträgen inzwischen gern der Einsatz eines Mediators festgeschrieben. „So können lange und teure Rechtstreits vermieden werden“, sagt Voskamp. Bevor man nur noch via Anwalt kommuniziert, treffen sich Zankende mit einem Vermittler.
Ganz billig ist das auch nicht: Mediatoren kosten zwischen 800 und 2500 Euro am Tag, wer Stunden abrechnet, verlangt bis zu 400 Euro. Beim Streit um das Ufer des Landwehrkanals bezahlt das WSA die Mediatoren – von Steuergeldern.
Zunächst werden vom Mediator die zu verhandelnden Themen gesammelt, dann die Interessen der beteiligten Parteien festgehalten. Danach werden Schnittmengen ausgelotet und schließlich eine Lösung festgehalten. Die Phase dauert meistens am längsten. Gerade wenn sich Anwohner gegen Investoren oder Ämter wehren, können sich Vermittlungen über Jahre hinziehen.
Adresse: Westfalenring 2d,
12207 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 1
Telefon: 030 / 71 20 25 66
Web: www.voskamp-la.de
„Für einige Mitglieder der Bürgerinitiative steht das in keinem Verhältnis zum Aufwand dieses Verfahrens“, sagt Achim Appel von „Bäume am Landwehrkanal“. Vier Stunden dauern die Sitzungen, zwei Mal im Monat. Hinzu kommen Arbeitskreise, in denen über Details gesprochen wird. Dem Ziel, einer „nachhaltigen und gewässerökologisch“ sinnvollen Sanierung des Kanals, sei man kaum näher gekommen. Dennoch habe sich die Arbeit gelohnt: So kämen einige Vorschläge des Amtes ohne das Fällen allzu vieler Bäume aus.
Wie viele professionelle Mediatoren es in Berlin gibt, ist unklar. Bundesweit dürften wenige hundert Spezialisten davon leben können. Der Bundesverband Mediation hat eigenen Angaben zufolge 1200 Mitglieder. Am häufigsten werde Mediation bei Scheidungen in Anspruch genommen.
In Deutschland gibt es keine gesetzliche Regelung einer Mediationsausbildung. Qualitätsstandards haben bislang die Fachverbände festgelegt, zu der auch der Bundesverband Mediation in Wirtschaft und Arbeitswelt gehört. Die Verbände fordern eine 200-stündige Ausbildung. Auch Rechtsanwälte dürfen als Mediatoren aktiv werden, wenn sie eine geeignete Ausbildung nachweisen können. Einen Master-Studiengang „Mediation“ gibt es an der Viadrina-Universität in Frankfurt an der Oder.
Neben der Ausbildung zählt auch die Chemie zwischen Mediator und Medianten. „Vertraulichkeit ist immens wichtig“, sagt Inge Thomas-Worm vom Bundesverband Mediation. „Es darf wenig nach außen dringen.“
Hannes Heine
Aus der Ausgabe 2 / 2009

