Passt wie angegossen
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Kleider müssen sich dem Körper anpassen: Andreas Rohé von Traders Foto: promo |
Wer sich einen Anzug von der Stange kauft, muss Glück haben. Er muss in die industriell gefertigte Ware passen und darf kein zu individuell ausgeprägtes Stilempfinden haben. Wer zum Beispiel einen Dreiknopf-Anzug will, muss lange suchen. Zwei-Knopf, das ist jetzt der Trend. In Berlin scheinen sich viele Männer nicht mehr damit zufrieden geben zu wollen. Andreas Rohé hat darin eine Marktlücke entdeckt und im vergangenen Oktober das „Traders“ in einer herrschaftlichen Altbauetage in Charlottenburg eröffnet.
Wer sich bei Rohé einen Anzug kauft, muss Zeit mitbringen. Beim ersten Termin werden die Musteranzüge anprobiert und Maß genommen. Der Kunde entscheidet, welche Taschen und Schlitze er haben möchte, dann werden Details wie die Knopflöcher besprochen. Danach dauert es drei Wochen, bis die Bestellung fertig ist. Denn bei Traders wird nicht selbst geschneidert. Die Anzüge kommen aus einer Manufaktur.
Maßkonfektion, so heißt der neueste Trend in der Bekleidungsindustrie. Dabei wählt der Kunde ein Muster aus, das dann an seine Maße und Sonderwünsche angepasst wird. Die Anzüge sind nicht so teuer wie eigens auf den Leib geschneidert, aber viel individueller als von der Stange.
Wer erst einmal einen gut sitzenden Anzug trägt, kann irgendwann nicht mehr anders
Andreas Rohé war früher nicht der Typ, der sich Maßanzüge gekauft hätte. Obwohl er der Sohn eines Düsseldorfer Tuchhändlers ist. Wie er auf den Geschmack kam? „Für meine Anzüge hatte ich immer eine bestimmte Marke – irgendwann haben sie die Schnitte verändert und mir gesagt, ich muss mich anpassen“, erzählt Rohé. Das sei für ihn, der in den siebziger Jahren das SO36 in Kreuzberg mitgegründet hat, nicht in Frage gekommen.
Sein neuer Job macht ihm sichtlich Spaß: „Die Berliner Männer trauen sich was, sie haben genaue Vorstellungen, was sie wollen und sind oft erstaunt, dass man bei uns Anzüge schon ab 800 Euro bekommt“, sagt Rohé. Seine Kunden beschränkten sich nicht auf zurückhaltendes blaues oder graues Tuch, sondern trauten sich, Anzüge mit großem Hahnentrittmuster und buntem Karo zu bestellen.
Auch viele Kaufhäuser bieten ihren anspruchsvollen Kunden inzwischen maßkonfektionierte Ware an. Wer im KaDeWe in der Herrenabteilung nach dem Maßkonfektionär Scabal sucht, muss hinter die Kulisse schauen. In einem seperaten Raum hängen dicht an dicht Sakkos in verschiedenen Größen und Verarbeitungen. Das sind die Musterstücke, die der Kunde anprobiert, um ein Gefühl dafür zu bekommen, welches Modell ihm steht, welche Größe er braucht. „Mit den genauen Maßen kann dann die Schulter breiter, die Ärmel länger, das Revers schmaler gearbeitet werden“, sagt Andreas Oltmanns von Scabal. Er macht aber auch klar: „Die Maßkonfektion hat Grenzen“. Es gibt Problemfiguren, denen bleibt gar nichts anderes übrig, als sich einen Anzug komplett anfertigen zu lassen.“ Das Gros seiner Kunden komme aber nicht wegen körperlicher Unzulänglichkeiten zu ihm, sondern weil ihnen die Anzüge von der Stange nicht mehr reichten, sagt Oltmanns: „Wer erst mal einen gut sitzenden Anzug trägt, kann nicht mehr anders.“
Adresse: Fasanenstraße 12,
10623 Berlin
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: 6
Telefon: 030 / 66 76 32 52
Web: www.traders-ateliers.de
Diese Erfahrung hat auch Volkmar Arnulf gemacht. Der Chef der Maßschneiderinnung in Berlin hat ein Atelier am Kurfürstendamm. „Maßschneiderei ist hohes Kulturgut“, sagt Arnulf. Es geht nicht nur darum, die alten Fachkenntnisse am Leben zu halten, die Maßschneideateliers sind auch eine Art Versuchslabore für die Industrie. Wie soll man die neuen leichten Stoffe verarbeiten? Wie wird pikiert, wie kommen die Schultern ohne große Polster aus und wie erhält der Anzug trotzdem Form? „Das ist höchste Kunst, alles entsteht im Atelier, Handarbeit ist dabei sehr wichtig“, sagt Arnulf.
Die Branche ist klein. Nach dem zweiten Weltkrieg gab es noch 1000 Maßschneider in Berlin, jetzt sind es noch etwa 20 ernst zu nehmende Betriebe. Volkmar Arnulf ist überzeugt, dass seine Zunft eine Zukunft hat: „Einen Maßanzug muss man nicht nach einem Jahr ausmustern.“ Er hält länger, weil er gut gearbeitet und individuell auf den Kunden angepasst ist. Deshalb sieht er zeitloser und klassischer aus. Dass das Schneiderhandwerk wieder so gefragt ist, freut Arnulf. Doch der Obermeister bleibt skeptisch, ob die neuen Maßkonfektionäre der Maßschneiderei neuen Aufschwung geben werden. „Wir sind keine Marktschreier, wir sind stille Dienstleister, die sich auf jeden Kunden neu einstellen.“ Arnulf hat Stammkunden, die ihre komplette Garderobe bei ihm anfertigen lassen. Günstig ist das nicht. „Zuerst muss der Kunde natürlich investieren“, sagt der Schneidermeister. „Aber wenn man einmal einen Grundstock hat, reicht ein neuer Anzug im Jahr. Und dann spart man sogar Geld.“
Grit Thoenissen
Aus der Ausgabe 4 / 2009
