Im Ernstfall: Keine Kantine

Wenn eine Schweinegrippewelle ausbricht, müssen Gas, Strom und Wasser weiter fließen. So schützen die Versorger ihre Mitarbeiter
Schutz vor dem Virus: Die Berliner Versorger haben sich mit Masken eingedeckt. Foto: dpa

Wenn der erste Mitarbeitern infiziert ist, wird es bei den Berliner Wasserbetrieben ernst, sagt Jens Feddern. Der Geschäftsführer ist Vorsitzender des Krisenstabs. In dieser Funktion hat er gerade den Katastrophenschutzplan des Unternehmens an die drohende Schweinegrippewelle angepasst.

Für den Verdachtsfall enthält der rund 40 Seiten starke Pandemieplan einen grob skizzierten Ablauf: Der Mitarbeiter wird sofort isoliert, dann wird ein Schnelltest durchgeführt. Notfalls wird er sofort ins Krankenhaus gebracht. „Fahrzeuge und Personal stehen der Betriebsärztin dazu zur Verfügung.“

Viele Betriebe erkennen jetzt erst, dass die Hälfte der Belegschaft ausfallen könnte


Alle wichtigen Versorgungsunternehmen müssen jetzt einen solchen Notfallplan haben. Denn sollten durch die Schweinegrippe große Teile der Belegschaft ausfallen, wäre die Versorgung der Berliner mit Strom, Gas und Wasser gefährdet. Noch hält sich die Ausbreitung in Grenzen, aber die Krankenzahlen steigen weiter und Experten rechnen mit einer Grippewelle im Herbst. In seinem „Rahmenplan Influenza-Pandemie“ schätzt der Berliner Senat, dass im schlimmsten Fall jeder zweite Berliner erkrankt.

Auch die kleinen und mittelständischen Unternehmen sollten das einkalkulieren. Doch nach Einschätzung des Arbeitskreises Unternehmenssicherheit (Akus) haben bisher nur wenige einen Notfallplan. „Viele Betriebe erkennen jetzt erst die Gefahr, dass möglicherweise die Hälfte der Belegschaft krank wird“, sagt Akus-Geschäftsführerin Katrin Safarik. „Zumindest sollten sich die Betriebe mit ausreichend Schutzmasken und Desinfektionsmitteln ausstatten“, rät sie.

Die Berliner Wasserbetriebe haben sofort gehandelt. Der Krisenstab trifft sich einmal wöchentlich. Jens Feddern rechnet damit, dass bis zu 40 Prozent der rund 4000 Mitarbeiter ausfallen könnten. Wer kann, soll dann mit dem Notebook zu Hause arbeiten. „Nur die Kernmannschaft ist dann hier“, sagt Jens Feddern. Die ist rund 600 Mann stark. „Dazu gehören alle, die mit der Produktion und Verteilung des Wassers und dem Sammeln und Klären des Abwassers zu tun haben.“

Damit es erst gar nicht zu einer Infektion kommt, wurden Hygieneanweisungen an die Mitarbeiter weitergegeben. Im Lager liegen 200 000 Hygienemasken und zusätzliche Kontingente an Desinfektionsmitteln. Auch sieht der Krisenplan vor, dass Pandemiesperren an allen öffentlich zugänglichen Stellen angebracht werden. „Jeder ist dann, bevor er in die Kantine geht, gezwungen, seine Hände zu desinfizieren.“

Es wird also einiges dafür getan, die Gesundheit der Mitarbeiter zu erhalten und den Versorgungsbetrieb zu gewährleisten, denn „wir sind ein großes Unternehmen und Teil der kritischen Infrastruktur Berlins“, sagt Feddern. Deshalb stimmen die Wasserbetriebe ihr Vorgehen regelmäßig mit den anderen Infrastrukturbetreibern ab. „So wissen wir ungefähr, welche Pläne die BVG oder die GASAG haben.“

Letztere bereitet sich auf eine mögliche Grippewelle allerdings zurückhaltender vor. Für rund 350 Mitarbeiter wurden 400 Hygienemasken bestellt. „Da müssen wir sicherlich noch einmal nachordern“, räumt Carsten Döring von der NBB Netzbetreibergesellschaft ein.

Ansonsten gab es klare Worte: Um das Infektionsrisiko möglichst gering zu halten, wurden die Mitarbeiter der versorgenden Abteilungen angewiesen, sich von Menschenansammlungen und Infektionsherden fernzuhalten. „Wir haben die klare Ansage gemacht, dass die Betriebskantine im Ernstfall kein Thema mehr ist.“

Sollte es ernst werden, plant man Zugangskontrollen zum Betriebsgelände. „Mit unseren Wärmebildkameras können wir abklären, wer erhöhte Temperatur hat“, sagt Döring. Sollte es eng werden, reiche eine Kernmannschaft von etwa 30 Mitarbeitern zur Aufrechterhaltung der Versorgung aus, da der Gastransport ferngesteuert abläuft.

Die Versorgertruppe wird isoliert, bekommt beispielsweise Dienstfahrzeuge gestellt, um keine öffentlichen Verkehrsmittel nutzen zu müssen. Die GASAG hatte ebenfalls noch keinen Krankheitsfall, rechnet aber spätestens nach Ferienende mit allem. Auch Vattenfall hat sich für den Notfall gewappnet. „Wir nehmen das sehr ernst“, sagt Pressesprecher Steffen Herrmann. Vorsicht sei nötig, Panik nicht.„Wir hatten bereits zwei Verdachtsfälle, allerdings handelte es sich dabei um Mitarbeiter im Ausland.“ Für Verdachtsfälle im Berliner Betrieb wurde ein Meldesystem installiert und auch an die Vorbeugung hat man im Rahmennotfallplan gedacht. Die Mitarbeiter werden regelmäßig instruiert, Atemschutzmasken und auch Desinfektionsmittel liegen bereit – bisher allerdings nur im Lager.         

Tina-Marlu Kramhöller


Aus der Ausgabe 9 / 2009

Zurück