Langer Atem ist gefragt

Berlins Biotechfirmen müssen in der Finanzkrise um Kredite und ums Überleben kämpfen. Unterkriegen lassen sie sich nicht
Börsennotiertes Unternehmen: Eine Mitarbeiterin der Mologen AG im Labor
Foto: Thilo Rückeis

In einer Millionenstadt wie Berlin erlebt es eine 30-Mann-Firma nicht oft, dass der Bürgermeister persönlich vorbeikommt und nach dem Rechten sieht. Insofern durfte sich der kleine Biotech-Spezialist Magforce Technologies AG aus Charlottenburg glücklich schätzen, als Klaus Wowereit (SPD) vor wenigen Wochen zu Besuch kam. Uwe Maschek, einer der beiden Geschäftsführer, nutzte die Gelegenheit und redete Klartext: „Gerade in unserer Phase ist es nicht ganz leicht, frische Fördergelder zu bekommen. Auch die IBB tat sich etwas schwer, uns einen neuen Kredit zu geben“, klagte er Berlins Regierendem. Dabei ist es ja die vornehmlichste Aufgabe der Investitionsbank Berlin, die lokale Wirtschaft zu stärken. Während vor der Finanzkrise oft ein Gespräch reichte, mussten die Magforce-Manager diesmal drei Mal vorsprechen. Dann gab es einen Kredit, allerdings nicht in der Höhe, die sich das Unternehmen gewünscht hätte.

Wir fühlen uns weitgehend frei in unseren unternehmerischen Entscheidungen

Das Problem von Magforce ist symptomatisch für die vielen kleineren Unternehmen der Biotech- und Pharmabranche, die in Berlin besonders präsent ist. Die Firmen brauchen viel Kapital für die Forschung, später Geld für den beschwerlichen Weg der Produkt­entwicklung bis zur Marktreife. Über die Zeit machen sie zwangsläufig Verluste. Geld verdienen die Unternehmen und ihre Anteilseigner erst, wenn es gelingt, die Lizenzen an einem Medikament zu verkaufen. Magforce hat das große Ziel nach eigenen Angaben fast erreicht. Aber eben noch nicht ganz: Im Juli erhielt Magforce die offizielle Bestätigung, dass es mit seiner selbst entwickelten Nano-Krebs-Therapie den europäischen Normstandard zur Entwicklung, Herstellung, Endkontrolle und zum Vertrieb von Produkten erfüllt. 2010 könnte Magforce damit auf den Markt gehen. Magforce kann mit seiner Technik Tumore, die an schlecht operablen Stellen wie beispielsweise im Gehirn liegen, auf ganz neue Weise bekämpfen. Dazu spritzen Ärzte winzige Partikel in das Geschwür und bringen die Teilchen durch magnetische Felder zum Schwingen. Hitze entsteht und Krebszellen sterben ab, ohne das gesunde Gewebe zu schädigen. In ersten Studien hat Magforce schon nachgewiesen, dass man Patienten damit helfen kann.

Bis die Technik aus Berlin aber das Leben todkranker Patienten in aller Welt verlängert, könnte es aber noch Jahre dauern. Erst müssen alle klinischen Studien abgeschlossen sein und eine Zulassung durch die Kontrollbehörden erteilt werden.
Das Unternehmen Magforce hat Glück, dass seine Haupteigentümerin, die Nanostart Investments AG, fest an die Technik glaubt: Das Unternehmen aus Frankfurt am Main ist nach eigenen Angaben die weltweit führende Beteiligungsgesellschaft für Investitionen in die Nano-Technologie. Sie hat den nötigen langen Atem und half Magforce auch aus der Patsche, als die Berliner Firma 2008 überschuldet war, wie es im Geschäftsbericht heißt.

Firmeninfo
| Mologen AG |
Geschäftsführer: Matthias Schroff
Adresse: Fabeckstraße 30,
14195 Berlin
Umsatz: 0,2 Mio. Euro (2008)
Mitarbeiter: 44
Telefon: 030 / 84 17 88 11
Web: www.mologen.com

Ähnlich angespannt war die Lage bei der Mologen AG aus Berlin-Dahlem. Das Unternehmen, das eine DNA-basierte Krebstherapie entwickelt hat, ist eine Ausgründung der Freien Universität Berlin und seit ihrem Anfang im Jahr 1998 an der Börse notiert. Finanzvorstand Jörg Petraß sieht in dieser Tatsache den Vorteil, dass Mologen – anders als die vielen Venture-Capital-Unternehmen der Branche – nicht so abhängig ist von Großinvestoren und Forschungsfördergeldern. 45 Millionen Euro sammelte Mologen in den vergangenen Jahren an der Börse ein, aber nur rund 1,5 Millionen Fördergelder. „Der Anteil ist für unsere Branchenverhältnisse verschwindend gering“, sagt Petraß. Auch hat die AG keinen Mehrheitsaktionär, der das Geschäft mitbestimmen will. Mit rund 25 Prozent ist die Deutsche Ring Versicherungsgruppe größter Anteilseigner bei Mologen. 40 Prozent sind in Streubesitz. „Wir fühlen uns weitgehend frei in unseren unternehmerischen Entscheidungen“, sagt Petraß.

Vergangenen März aber, zum Höhepunkt der Finanzkrise, wurde es auch für Mologen eng. Und das mitten in den Vorbereitungen einer wichtigen klinischen Studie. Mologen war knapp bei Kasse und riskierte an der Börse eine Kapitalerhöhung um fünf Prozent. Das hätte schiefgehen können, da vor einem halben Jahr fast alle Investoren ihre Taschen aus Angst verschlossen hielten. Doch glücklicherweise fanden sich genügend Käufer für die neuen Aktien. „Sonst wäre die Lage für uns sehr schwierig geworden“, sagt Petraß. Dann hätte er sich eiligst, wie auch Magforce, um eine Brückenfinanzierung bewerben müssen. Weil aber genügend Aktionäre an das Konzept der Berliner Forscher glaubten, konnte er sich unerfreuliche Gespräche bei der Förderbank IBB oder anderen Kreditinstituten sparen.

Kevin P. Hoffmann


Aus der Ausgabe 10 / 2009

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