Der Arzt zum Ausleihen
|
Flexibel: Zeitarbeits-Ärzte springen ein, wenn in der Klinik Not am Mann ist. Foto: Mike Wolff |
Der Arbeitsplatz von Michael Weber, Doktor der Medizin und Facharzt für Anästhesie, hat nichts von der normalen Arbeitsumgebung eines Arztes. Statt in der sterilen Atmosphäre einer Klinik oder dem überfüllten Wartezimmer einer Praxis empfängt Weber seine Gäste in einem gemütlichen Büro in Berlin Prenzlauer Berg. Hier sitzen keine Patienten, die auf ihre Termine warten, sondern junge Frauen, die mit Headsets telefonieren und Tabellen in ihren Rechner tippen.
Weber ist Geschäftsführer der Firma „Hire a Doctor“, die selbstständige Honorarärzte an Krankenhäuser vermittelt. Seit Beginn dieses Jahres führt er gemeinsam mit dem Volkswirt Falk Neuhoff noch ein zweites Unternehmen. Die AnästhesieAgentur hat sich auf das Verleihen von Anästhesisten spezialisiert. Hier arbeiten die Ärzte nicht auf eigene Rechnung, sondern sie sind fest angestellt und sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Die AnästhesieAgentur ist eine Zeitarbeitsfirma für Ärzte.
Man muss schon kooperativ sein
Dass Weber neben der Vermittlung von Honorarärzten nun auch Mediziner fest anstellt, hat arbeitsrechtliche Gründe. Denn das Modell der Honorarärzte, die auf freier Basis arbeiten, steht neuerdings auf wackligen Füßen. Da sie meist nur einen Auftraggeber haben, können sie als scheinselbstständig eingestuft werden – ein Problem vor allem für die Kliniken, die auf die frei tätigen Ärzte angewiesen sind, die schnell und flexibel bei Engpässen einspringen. Diese Erfahrung hat auch Michael Buth, Personalleiter der Sana Kliniken Berlin-Brandenburg GmbH, machen müssen. Bei den aktuellen Prüfungen der Deutschen Rentenversicherung wurden die Honorarärzte dort nämlich als Arbeitnehmer eingestuft. „Das Resultat war, dass wir erstmals mit Nachzahlungen von Sozialversicherungsbeiträgen für diesen Personenkreis konfrontiert wurden“, sagt Buth.
Die Firma sucht Fachärzte für Anästhesie
Geschäftsführer:
Michael Weber (ärztlich),
Falk Neuhoff (kaufmännisch)
Adresse: Jablonskistr. 35,
10405 Berlin
Mitarbeiter: 14
Telefon: 030 / 644 94 47 00
Web: www.anaesthesieagentur.de
Auf diesen Umstand, der in Zukunft auch andere Kliniken treffen könnte, reagiert Weber mit seinem Angebot. Fachleute aus der Wirtschaft hätten ihn allerdings buchstäblich „für verrückt erklärt“, erzählt er. „Man hat mir gesagt, in einer Branche, in der es einen Mangel an Personal gibt, macht eine Zeitarbeitsfirma keinen Sinn.“ Denn normalerweise entstehen diese Firmen da, wo es ein Überangebot an Arbeitskräften gibt, die aber nicht immer gebraucht werden - etwa in der Automobilindustrie oder beim Bau. Bei Ärzten ist das anders, hier gibt es - besonders in einigen Fachrichtungen - weniger, als man bräuchte. Warum also sollte ein Arzt, der auf dem Arbeitsmarkt begehrt ist, sich als Zeitarbeiter anstellen lassen? „Genug Personal zu rekrutieren ist in der Tat schwierig. Deshalb müssen wir den Ärzten schon etwas bieten“, sagt Weber. Dieses Etwas ist zum Beispiel eine Bezahlung deutlich über dem normalen Tariflohn. Dazu kommt, dass ein Arzt, der bei der AnästhesieAgentur angestellt ist, seine Zeit flexibler einteilen kann als ein Klinikarzt.
Für den Anästhesisten Jörg Schietke gab es noch weitere Gründe, von der Klinik in die AnästhesieAgentur zu wechseln: „Ich kann mich als Arzt, der von außen kommt, ausschließlich um die Medizin kümmern und habe weniger Stress mit Organisation und Bürokratie“, sagt der 42-jährige Mediziner, der seit Oktober in Webers Firma angestellt ist.
Er räumt allerdings ein, dass diese Art zu arbeiten nicht für jeden die richtige ist. „Man muss sich immer wieder auf neue Orte und Kollegen einstellen. Da muss man schon ein sehr kooperativer Typ sein.“ Auch sei das Modell nicht ohne Weiteres auf andere Fachrichtungen übertragbar. „In der Anästhesie lässt sich eine hohe Fluktuation verkraften. In der Intensivmedizin, wo sich der Arzt längere Zeit um den Patienten kümmert und für die Angehörigen da sein muss, ist das sicher anders.“
Ulrike Thiele
Aus der Ausgabe 12 / 2009

