Hoffnung auf Nachwuchs

Viele Brandenburger Paare sind ungewollt kinderlos. Ein Kinderwunschzentrum in Potsdam soll ihnen helfen, Eltern werden zu können
Endlich Nachwuchs! Für viele Paare bleibt das ein unerfüllter Traum. Foto: ddp

Künstliche Befruchtung, den Begriff mag er eigentlich nicht. Der klinge ihm zu sehr nach Fiktion, sagt Kay-Thomas Moeller, Gynäkologe und Leiter des neuen Kinderwunschzentrums in Potsdam. In ganz Brandenburg gibt es bisher nur ein reproduktionsmedizinisches Zentrum, in Berlin dagegen zehn. Jede siebte Ehe in Deutschland ist ungewollt kinderlos.

Noch ist das Zentrum eine Baustelle, eröffnet werden soll im April. Schon jetzt hat der Endokrinologe Anfragen von Paaren, die nicht kinderlos bleiben wollen. Sie sprechen auf seine Mailbox und warten auf einen Termin. Brandenburg hat fast 2 600 000 Einwohner, ungefähr 940 000 von ihnen brauchen eine Stunde bis Potsdam, hat Moeller berechnet. Nach Berlin wäre es noch weiter. Ungewollt kinderlose Paare hätten meist schon einen schwierigen Weg hinter sich, bevor sie in einem Kinderwunschzentrum anrufen, sagt er. Moeller ist überzeugt, es senke die Hemmschwelle, wenn der Besuch eines reproduktionsmedizinischen Zentrums nicht mit großen Entfernungen verbunden ist. Er hat selbst zwei kleine Kinder und ist, wie er betont, glücklich verheiratet.

Der Mediziner weiß, wie hoch der Druck für Paare ist, den ein unerfüllter Kinderwunsch auslöst. „Viele Paare in Brandenburg sind noch nicht versorgt“, sagt Moeller. Der Hormonhaushalt der Frauen sei unglaublich kompliziert, sagt der 50-Jährige. Er war leitender Oberarzt in der Uniklinik Innsbruck, 2003 kam er nach Berlin, in ein Kinderwunschzentrum. Anfang der neunziger Jahre ging er für Organisationen wie das Technische Hilfswerk nach Lateinamerika und Afrika.

Während seiner Arbeit in Berlin-Tempelhof kam ihm die Idee, selbst ein Kinderwunschzentrum zu eröffnen – in einer Gegend, in der der Bedarf groß ist. Er beantragte eine Zulassung in Brandenburg, machte einen Businessplan, wurde Bauherr und begann, sein Team zusammenzustellen.

Es gibt kein Durchschnittspaar


Insgesamt sollen künftig zehn bis 20 Mitarbeiter in dem Zentrum arbeiten. Möller liebt die Arbeit mit Patienten. Sie haben alle den gleichen Wunsch, wenn sie zu ihm kommen. Nur die Voraussetzungen sind unterschiedlich. Es gibt verschiedene gesundheitliche Probleme, die zur Kinderlosigkeit führen. Um die Ursache herauszufinden, brauche es vier Wochen. In 95 Prozent der Fälle stehe dann die Diagnose. Doch Moeller betont: „Es gibt kein Durchschnittspaar.“

Um einem Paar mittels künstlicher Befruchtung oder anderen Methoden zu Nachwuchs zu verhelfen, muss er die Richtlinie der Bundesärztekammer einhalten. Für eine künstliche Befruchtung in Deutschland müssen Paare nicht verheiratet sein, es wird jedoch empfohlen. Obligatorisch ist dagegen, einen Partner zu haben – egal welchen Geschlechts. Allerdings gibt es eine Einschränkung: Wenn der Mann keine oder nur unbrauchbare Spermien produziert, muss das Paar auf einen Spendersamen zurückgreifen, der nicht aus der eigenen Familie stammt. Auch wenn es in Brandenburg derzeit keine Samenbank gibt: Moeller glaubt nicht, dass sich bald eine solche Institution in der Nähe seines Kinderwunschzentrums niederlässt. Der Bedarf nach Spendersamen werde von Berlin abgedeckt, sagt Moeller – dort gibt es zwei Samenbanken.

Firmeninfo
| Kinderwunschzentrum Potsdam |
Geschäftsführer: K.-T. Moeller
Adresse: Babelsberger Straße 8,
14473 Potsdam
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 10–20
Telefon: 0331 / 23 18 92 92
Web:www.kinderwunsch-potsdam.de

Demografischer Wandel, Überalterung, Geburtendefizit, sinkende Einwohnerzahl: Zahlen des statistischen Bundesamtes zeigen, dass in Deutschland noch nie so wenige Babys geboren wurden wie im Jahr 2009. Brandenburg-Nordost steht an dritter Stelle der Altersskala, nach Dresden und Thüringen folgt Brandenburg-Südwest. Moeller sieht in der Überalterung der Bevölkerung und der sinkenden Geburtenrate ein Problem, aber eben auch eine Chance für sein Kinderwunschzentrum. Denn vielen Paaren, bei denen es auf natürlichem Weg nicht klappt, könne geholfen werden. Der Mediziner hofft, durch seine Arbeit die  Geburtenrate in Brandenburg positiv beeinflussen zu können. Und für die Potsdamer kann es nur ein Vorteil sein, solch eine medizinische Einrichtung in der Nähe zu haben; die Nachfrage jedenfalls ist da.

Der Katalog der von Moellers angebotenen Behandlungsmethoden ist lang, die künstliche Befruchtung ist nur eine Möglichkeit, medizinisch beim Kinderwunsch zu helfen. Genau betrachtet sei dies eine natürlich anmutende Prozedur: Die entnommene Eizelle und die Spermien täten im Reagenzglas genau das, was auch in der Gebärmutter passiere. „Wir lassen die über Nacht miteinander spielen und wenn wir Glück haben, bilden sich Zellen“, sagt der Spezialist. Nach zwei bis drei Tagen, wenn sich Zweizeller oder Vierzeller gebildet haben, werden diese der Frau injiziert. Der Rest, „das Wunder Schwangerschaft“, wie Moeller es nennt, passiere von allein. Mit einer zehn- bis 15-prozentigen Wahrscheinlichkeit werde die Frau schwanger. Dies höre sich vielleicht nach wenig an – „doch die Paare kommen von null Prozent“.

Saskia Weneit


Aus der Ausgabe 3 / 2010

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