Alles unter einem Dach
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Ein Haus, viele Fachärzte: Mediplaza in Berlin Mitte beschäftigt 18 Mediziner. Foto: Kai Uwe-Heinrich |
Als medizinische Versorgungszentren (MVZ) 2004 per Gesetz möglich wurden, war Burkhard Bratzke in Berlin ganz vorne dabei. Der Hautarzt, der im Vorstand der kassenärztlichen Vereinigung in Berlin sitzt, meldete mit seiner Frau, einer Allgemeinmedizinerin, das MVZ Tiergarten an. Die ambulante Versorgung von Patienten soll durch diese multidisziplinären Ärztehäuser besser werden, so die Überlegung der Gesetzgeber, weil der Weg von einem Facharzt zum anderen kurz ist.
Die Zahl der MVZ ist seit 2004 stark gestiegen. Ende 2009 zählte die kassenärztliche Bundesvereinigung knapp 1400 Häuser bundesweit, in denen 6647 Ärzte arbeiten. Die meisten Einrichtungen haben sich in Ballungsräumen niedergelassen. In Berlin waren es zum 1. Januar dieses Jahres 141.
Man kann sich auf die Medizin konzentrieren, der Verwaltungswust wird gemindert
„Es sollten sinnvolle Zusammenschlüsse sein“, sagt Bratzke. Wenn ein Kinderarzt und ein Hautarzt beispielsweise ein MVZ gründeten, seien die Chancen gut, dass Ärzte Patienten gemeinsam behandelten, weil Eltern neben dem Kinderarzttermin noch eine Untersuchung beim Hautarzt machen ließen. In kleineren Ärztehäusern schauten Patienten häufiger bei mehr als nur einem der dort ansässigen Mediziner vorbei.
Für Ärzte bieten MVZ mehrere Vorteile. „Fachgespräche sind quer über den Flur möglich“, sagt Sybille Golkowski von der Ärztekammer Berlin, „man kann Vertretungen leichter organisieren.“ Ärzte können in einem MVZ als Freiberufler oder als Angestellte arbeiten. Für Letztere sind Modelle mit festen Arbeitszeiten möglich. Da sich der Arztberuf „feminisiere“ – rund 50 Prozent der Ärzte in Berlin sind Frauen, Tendenz steigend – seien Teilzeitmodelle wohl ein Zukunftsmodell in der Branche, sagt Golkowski.
Für ein solches Modell hat sich auch Milena Schaeffer-Kurepkat entschieden. Die ärztliche Leiterin des MVZ Mediplaza an der Leipziger Straße in Mitte hat eine Dreiviertel-Stelle. „Man kann sich auf die Medizin konzentrieren, der Verwaltungswust wird gemindert“, sagt sie über die Vorteile eines angestellten Arztes.
In ihrem MVZ in Berlin-Mitte arbeiten 18 Ärzte und drei Psychotherapeuten. Zu den praktischen Vorteilen des interdisziplinären Arbeitens sagt die ärztliche Leiterin, die als Allgemeinmedizinerin praktiziert, sie habe schon mehrere Einweisungen ins Krankenhaus abwenden können, weil der Kardiologe im Haus bei Patienten mit Brustschmerzen einen Herzinfarkt als Ursache ausschließen konnte.
Freilich haben Ärztehäuser auch ihre Schattenseiten. Laut Burkhard Bratzke ist es fast nicht möglich, mit angestellten Ärzten in einer solchen Einrichtung Gewinn zu erwirtschaften, weil der von einem angestellten Arzt erarbeitete Umsatz im Wesentlichen seine Kosten deckt. Andere Einnahmen müssten her, um MVZ auf Dauer rentabel zu machen.
Das Unternehmen sucht an allen Standorten Ärzte und MFAs
Geschäftsführer: Frank Heinzen,
Marc Kurepkat
Adresse: Friedrichstraße 58,
10117 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 157
Telefon: 030 / 319 90 96-70
Web: www.medi-plaza.de
Das ist durch Kooperationen möglich. Mediplaza beispielsweise hat Verträge der integrierten Versorgung mit den Krankenkassen Barmenia, der Deutschen Angestellten-Krankenkasse (DAK) und in Berlin mit der Betriebskrankenkasse der Verkehrsbau Union (BKK VBU) geschlossen. Die Krankenkassen zahlen dem Haus einen Betrag, damit ihre Patienten höchstens drei Tage auf einen Facharzttermin warten und in der Praxis nach spätestens 15 Minuten behandelt werden.
Außerdem kooperiert Mediplaza in Berlin-Mitte mit einem ambulanten Pflegedienst und Physiotherapeuten und hat sich eine Apotheke als Mieter mit ins Haus geholt. Andere Ärztehäuser arbeiten mit Krankenhäusern zusammen oder sind Ausgründungen von Kliniken.
Auch die Techniker Krankenkasse (TK) hat Verträge der integrierten Versorgung mit Häusern in verschiedenen deutschen Großstädten geschlossen. Dass die MVZ wie die Polikliniken in der ehemaligen DDR anmuten, die verschiedene Fachärzte unter einem Dach vereinten, habe sich nicht negativ ausgewirkt, sagt die Berliner TK-Sprecherin Heike Weinert. Das Konzept der Facharzthäuser, die den Namen Atriomed tragen, wenn sie mit der TK kooperieren, sei sehr gut angenommen worden. Ende 2009 hatte das Berliner Atriomed geschlossen, weil dem Betreiber die Zulassung wegen Verdachts auf Abrechnungsbetrug entzogen wurde. „Wir sind von der Idee des MVZ immer noch überzeugt und prüfen gerade andere Optionen in Berlin“, sagt Weinert.
Ob MVZ das Zukunftsmodell für ambulante Versorgung sind, ist offen. Bei 71 000 Einzelpraxen und 19 000 Gemeinschaftspraxen bundesweit sind MVZ noch ein Nischenprodukt. Ob sie den Ärztemangel auf dem Land gelindert haben, wird noch zu untersuchen sein.
Constance Frey
Aus der Ausgabe 5 / 2010
