Der Patient ist König
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Pflichtprogramm: Apotheken müssen Patienten gut beraten können. Foto: ABDA/promo |
Regelmäßig macht Renate Schlindwein tagsüber einen Botengang und bringt Medikamente zu Patienten ins Büro. Außerdem geht um 18 Uhr regelmäßig ein Bote los, um Medizin auszuliefern. Die Inhaberin der Leipziger Apotheke in Mitte hat diesen Service eingerichtet, weil Patienten ihre Pillen oder Salben nicht alle innerhalb der Öffnungszeiten abholen können. In der Otto-Apotheke von Rainer Bienfait in Moabit sprechen die Mitarbeiter Türkisch, Arabisch, Serbisch, Französisch und Englisch, um den vielen Kunden mit Migrationshintergrund zu erklären, wie und wann man ein Medikament einnehmen muss. Und Andreas Dehne hat sich in seiner Teltow-Apotheke in Lichtenrade mit Inkontinenzberatung und mit Kompressionsstrümpfen, die bei Bedarf zu Hause beim Patienten angemessen werden, einen Namen gemacht.
Wenn der Patient nicht kommen kann, muss eine Versorgung zu Hause möglich sein
Es sind drei Beispiele dafür, was Apotheken der Tatsache entgegensetzen, dass ihre Geschäfte heute weniger gut laufen als noch vor zehn Jahren. Die verpflichtende Patientenberatung ist deutlich komplexer geworden. „Durch die Rabattverträge braucht man bei der Bedienung eines Patienten bis zu drei Mal so viel Zeit wie vorher“, erklärt Renate Schlindwein. Gemeint sind Verträge zwischen Arzneimittel-Herstellern und einzelnen Krankenkassen, durch die deren Patienten für bestimmte Leiden nur Medikamente des Vertragspartners bekommen. Für Patienten ist das oft erklärungsbedürftig, zudem erhöht das die Zahl der Schritte in der Apothekensoftware.
Darüber hinaus macht der Arznei-Versandhandel den Apotheken insbesondere bei teuren Produkten Konkurrenz. Diese kaufen die Patienten lieber mit Rabatt im Internet. Diese Rabatte sind möglich, weil die Preise für nicht verschreibungspflichtige Medikamente seit 2004 freigegeben sind. Die Folge: Apotheken nehmen weniger ein. Manche wirtschaften am Existenzminimum. „Die Landschaft ist sehr variabel“, sagt Andreas Dehne. Insgesamt nagten Apotheker noch nicht am Hungertuch. Dennoch glaubt er, dass in einem schleichenden Prozess die Zahl der Apotheken abnehmen wird. Bis sie Insolvenz anmelden, setzen Apotheker auf Selbstausbeutung. Da sie mit ihrem persönlichen Vermögen für ihre Apotheke haften, ist die Schmerzgrenze relativ hoch.
„Wir leisten wirklich sehr viel“, sagt Rolf Spielberger. Ihm gehören die Berliner Pelikan Apotheke Tempelhof, die Pelikan Discount Apotheke Tempelhof und die Schloss-Apotheke Tegel. Außerdem ist er einer der Geschäftsführer der Apotheken-Kooperation „Guten Tag Apotheke“ mit 320 Partner-Apotheken und einem Umsatz von 1,2 Milliarden Euro.
10555 Berlin
Telefon: 030 / 39 90 22 72
Leipziger Apotheke
Adresse: Leipziger Straße 43,
10117 Berlin
Telefon: 030 / 204 30 31
Web: www.leipziger-apotheke.de
Teltow-Apotheke
Adresse: Nahariyastraße 27,
12309 Berlin
Telefon: 030 / 745 70 02
Pelikan-Apotheke
Adresse: Tempelhofer Damm 139/
Ecke Borussiastrasse, 12099 Berlin
Telefon: 030 / 75 79 05-0
Web: www.pelikanapotheke.de
Spielberger beliefert mit seinen Berliner Betrieben als Krankenhausapotheke Kliniken in Berlin und Brandenburg. Außerdem setzt er auf Werbung in Form von Anzeigen, Flyern und Katalogen: „Der Kunde muss sehen, dass wir günstige Preise haben“, sagt er. Für Christian Belgardt, den Präsidenten der Apothekenkammer Berlin, müssen die Apotheken beim Kunden mit einer guten Patientenversorgung punkten. „Nur über Preise funktioniert es nicht, weil die Leute am nächsten Tag woanders hingehen, wenn das Produkt dort billiger ist“, sagt er. Daher arbeit die Apothekenkammer ständig an einer Verbesserung der Beratung, beispielsweise durch die Anerkennung von Pflicht-Fortbildungen.
Den Patienten von Rainer Bienfait wäre Werbung für billige rezeptfreie Medikamente wohl egal. Sie kommen vor allem in ihre Kiez-Apotheke, um Rezepte einzulösen. Dort nimmt sich die Belegschaft auch für die Kunden Zeit, die einfach reden wollen. „Apotheker sein hat sehr viel mehr mit Idealismus zu tun als noch vor zehn Jahren“, sagt Andreas Dehne. „Wenn der Patient nicht kommen kann, muss eine Versorgung zu Hause möglich sein“. Und Renate Schlindwein, die ihre Kunden schwerpunktmäßig über Naturheilkunde berät, will in ihrer Apotheke die Diskretion durch getrennte Bedienpodeste, darunter eins für Rollstuhlfahrer, verbessern.
Allen befragten Apothekern ist gemein, dass sie ihre Pläne stets mit einem Fragezeichen versehen – eine Gesetzesänderung kann ihre Planung jederzeit hinfällig machen.
Constance Frey
Aus der Ausgabe 6 / 2010
