Biotechnologie

Mit dem Erfolg kam das Ende

Berlins Biotech-Vorzeigefirma Jerini wurde geschluckt. Manche Branchenkenner können dem auch Positives abgewinnen
Groß gemacht: Jerini-Chef Jens Schneider-Mergener hat das Unternehmen von der Gründung 1992 bis zum Verkauf in diesem Jahr begleitet. Foto: ddp

Seit Anfang August ist das Berliner Pharmaunternehmen Jerini in britischen Händen. Gerne wurde Jerini als Beispiel einer gelungenen Berliner Wirtschaftsförderungspolitik angeführt, war es doch ein Vorzeigebetrieb der Biotechnologie. Doch schon jetzt ist klar, dass es dem Käufer, dem Milliarden Euro schweren Biotechnologiespezialisten Shire, nicht um die weitere Entwicklung und den Ausbau des Berliner Standortes geht. Vielmehr hofft man, den Preis von rund 370 Millionen Euro durch das Jerini-Medikament Firazyr (Icatibant) wieder einspielen zu können.
„Da kriegt man erst mal einen Schreck“, sagt Thilo Spahl, Sprecher der Berliner und Brandenburger Koordinationsstelle für Biotechnologie BioTOP. „Erst ist man stolz, dass es ein Unternehmen mit einem eigenen Produkt in der Hauptstadtregion geschafft hat – dann ist es auch schon wieder weg.“ Schon jetzt ist klar, dass es den Namen Jerini nicht mehr geben wird, wie der Vorstandsvorsitzende und Gründer des Unternehmens Jens Schneider-Mergener in einem Interview mit dem Tagesspiegel sagte. Was aus den rund 150 Mitarbeitern wird, steht in den Sternen; ob Projekte, die Jerini neben Firazyr betrieben hat, weiter verfolgt werden können, ist unklar. Derzeit prüft Jerini, ob im Rahmen einer Ausgründung unter Beteiligung von Shire vier Wirkstoffe weiterentwickelt werden. Es sei allerdings gegenwärtig zu früh, um konkrete Aussagen zu treffen, heißt es. Eine Entscheidung darüber werde erst in den nächsten Monaten fallen.

Da kriegt man erst mal einen Schreck

Was die Übernahme Jerinis für den Biotechnologiestandort Berlin bedeutet, wird sehr unterschiedlich bewertet. Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) hält sie für einen Beleg, dass Berlin im Pharmamarkt eine zunehmend wichtige Rolle spiele.
„Sagen wir es so: Der Fall beweist, dass Investoren in der Branche richtig Geld verdienen können“, sagt BioTOP-Sprecher
Thilo Spahl. Schließlich hätten vor allem die Anteilseigner an Jerini von dem Verkauf profitiert. Spahl möchte das nicht als Kritik an finanziellen Engagements verstanden wissen. „Die Investoren sind ein Risiko eingegangen und werden nun dafür belohnt.“ Erst das Risikokapital habe Jerini befähigt, so weit zu kommen.
Auch das Land hat Jerini über verschiedene Töpfe finanziell unterstützt. Wirtschaftssenator Harald Wolf sieht das nicht als Fehlentscheidung. „Die Förderung hat sich gelohnt“, sagt seine Sprecherin Petra Schwarz. Dass man Geld „versenkt“ habe, sei nicht der Fall, sagt auch Thilo Spahl. „Jerini hat die Darlehen zurückgezahlt. Und über Beteiligungskapital hat die Investitionsbank Berlin an dem Verkauf mitverdient.“

Durch vertragliche Klauseln den Verkauf von geförderten Firmen zu verbieten, hält Spahl für eine schlechte Idee. „Das lässt sich nicht umsetzen. Außerdem würde es Investoren abschrecken.“ Berlin müsse eben als Standort überzeugen. Auch die Senatsverwaltung für Wirtschaft hat sich in die Verhandlungen eingeschaltet und will sich dafür einsetzen,  das Unternehmen in der Stadt zu halten, wie Petra Schwarz betont.
Dem Medikament Firazyr wird ein Markt von rund 150 Millionen Euro vorhergesagt. Es soll gegen das hereditäre Angioödem (HAE) wirken, eine seltene, aber schwere Krankheit. Die Betroffenen leiden unter episodischen Schwellungen am Körper und Ödemen, die  alle Organe betreffen können. Der Verkauf in der Europäischen Union läuft gerade an. Nach vielen Rückschlägen schien Jerini gerade auf Erfolgskurs zu gehen. Zugute kommt der Erfolg Shire.

Henning Zander


Firmeninfo

Jerini
Vorstandsvorsitzender:
Jens Schneider-Mergener
Adresse: Invalidenstraße 130, 10115 Berlin
Umsatz: 18,7 Mio. Euro (2007)
Mitarbeiter: 168
Telefon: 030 / 97 89 30
Web: www.jerini.com


Aus der Ausgabe 8 / 2008

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