Margen mit Mantras
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Natürlich: Therapeutin Ingrid Watzka mit Bildtafeln von Bachblütenessenzen Foto: Kitty Kleist-Heinrich |
Ursula Abel hat 40 Jahre lang „Dauermigräne“ gehabt, so sagt sie. Nichts habe geholfen. Bis sie bei Heilpraktikerin Ingrid Watzka in die Behandlung ging. Die hat ihr eine Lösung aus Bachblütenessenzen gemixt, die Abel täglich einnahm. Zusätzlich buchte die Patientin eine Cranio-Sacrale Therapie. Die Idee dabei: Gehirn-und Rückenmarksflüssigkeit sollen durch leichten Druck auf bestimmte Punkte zum Fließen gebracht werden.
Was sich ein wenig esoterisch anhört, ist für Watzka ein gutes Geschäft. Für jede Behandlung nimmt sie 50 bis 70 Euro. Und ihr Terminkalender ist voll. Das Beispiel zeigt: von alternativen Gesundheitsleistungen wie Homöopathie, Akupunktur, Bachblütentherapie, Mantrarezitationen oder Qi Gong lässt sich gut leben. „Da ist ein großer Markt in Berlin“, bestätigt Claudia Witt, Professorin für Komplementärmedizin an der Charité.
Über zusätzliche Leistungen kann man sich von der Konkurrenz abgrenzen
Weil die Wirksamkeit der Methoden selten belegt ist, zahlt die Krankenkasse meist nicht. Deswegen kostet Komplementärmedizin den Patienten zusätzlich Geld. Ausnahmen gibt es beispielsweise in der Behandlung von Rücken- und Knieleiden durch Akupunktur. Alles das, was Ärzte über die Kassenleistung hinaus anbieten, wird unter dem Begriff Individuelle Gesundheitsleistung (Igel) zusammengefasst. Das können auch Vorsorgeuntersuchungen sein.
Der Markt der alternativen Medizin geht von den Anbietern aus, hat das Wissenschaftliche Institut der AOK (Wido) herausgefunden. Es hat in einer bundesweiten Studie 3000 gesetzlich Versicherte befragt. Ergebnis: Zusätzliche Leistungen werden eher von den Praxen angeboten, als von den Patienten nachgefragt. Waren es 2005 noch 23 Prozent der Befragten, die eine Ige-Leistung angeboten bekommen haben, waren es in diesem Jahr schon über 26 Prozent. Ärzte, Heilkundler und Therapeuten sehen ein gutes Geschäft. Das Marktvolumen belaufe sich deutschlandweit auf etwa eine Milliarde Euro, sagt Klaus Zok vom Wido. Zahlen für Berlin gebe es zwar nicht. Aber: „Über zusätzliche Leistungen kann man sich von der Konkurrenz abgrenzen“, ist er überzeugt.
Das versucht auch Axel Wiebrecht, Allgemeinmediziner. Er hat eine Ausbildung in der chinesischen Heilkräutertherapie. „Es gibt eine Vielzahl von Beschwerden, bei denen die Schulmedizin keine Lösungen anbietet“, sagt er. Als Beispiele nennt er Virusinfektionen und Augenerkrankungen. Etwa 40 Prozent seiner Zeit wendet er für die alternativen Verfahren auf, schätzt er. Seine Praxis profitiert davon. „Es lohnt sich nicht direkt finanziell. Aber langfristig zahlt es sich über die Patientenbindung aus.“
Verstärktes Interesse bemerkt Klaus Zarn von der Shogun Praxis für Gesundheitssport. In Tiergarten bietet er Tai Chi-, Qi Gong- und Rückenschulkurse an. „Das ist ein Trend“, meint er. Und fügt hinzu: „Aber keiner, der vorbeigeht.“ 1993 hat er mit neun Teilnehmern angefangen. Heute kommen 120. „Anfangs waren es eher Besserverdienende und Frauen.“ Inzwischen würden vermehrt Männer sowie Schüler etwas gegen Stress und Rückenprobleme unternehmen. In bestimmten Fällen springen auch die Krankenkassen ein. Sie übernehmen dann die Kosten von Qi Gong-Kursen als Präventionsleistung.
Adresse: Thomasiusstr. 5,
10557 Berlin-Tiergarten
Telefon: 030 / 392 29 01
Praxis für Körper- und Psychotherapie
Inhaberin: Ingrid Watzka
Adresse: Großbeerenstraße 13 a, 10963 Berlin
Telefon: 030 / 752 89 67
Regen Zulauf hat auch Claudia Glowik, von der Grinberg-Schule in Prenzlauer Berg. Die Grinberg-Methode ist eine Art Physiotherapie für die Psyche. Über Massagen sollen sich die Klienten entspannen. Klienten, so nennt Glowik die Leute, die zu ihr kommen. Das betone die aktive Mitarbeit. In Gesprächen werden störende Faktoren in ihrem Leben analysiert. Sie sollen körperliche aber auch seelische Blockaden überwinden. Gerade in Berlin sei der Markt für Grinberg gut. Glowik praktiziert seit 15 Jahren. Vor fünf Jahren hat sie die erste Grinberg-Schule Deutschlands gegründet. 80 Euro nimmt sie pro Stunde.
In Berlin gibt es gegensätzliche Tendenzen. Zum einen sind die Bewohner der Stadt aufgeschlossen. „Hier gibt es eine große Offenheit für die Komplementärmedizin“, sagt Claudia Witt. Auf der anderen Seite sei die soziale Lage nicht überall gut. Zok spricht von einem „Einkommenseffekt“. Vermutlich seien Patienten in Steglitz-Zehlendorf eher bereit zu zahlen, als in Neukölln.
Gerade in einkommensschwachen Gebieten braucht es also viel Einsatz. „Man braucht Durchhaltevermögen“, meint Watzka. Das hat auch Patientin Abel. Die Schmerzen sind weg. Trotzdem kommt sie noch ein Mal die Woche. „Weil es mir gut tut“, sagt sie.
Matthias Jekosch
Aus der Ausgabe 10 / 2008
