Ringen um Investoren
|
Ausweg. Silence-Therapeutics-Chef Christély setzt auf englische Investoren. Foto: Thilo Rückeis |
Dieses Jahr könnte ein schicksalsreiches für deutsche Biotech-Firmen werden. Kaum eine andere Branche ist so stark auf Risikokapital angewiesen wie diese. Außerdem brauchen Investoren bis zur Marktreife eines Biotech-Produkts einen langen Atem. Doch der könnte ihnen in diesem Jahr ausgehen, befürchtet die Branche. Schuld hat die Finanzkrise.
„Auf den großen Branchentreffen ist das momentan ein drängendes Thema“, berichtet Thomas Christély, Chef der Berliner Silence Therapeutics, einem Entwickler von Therapeutika zur spezifischen Blockierung krankheitsrelevanter Gene (RNAi). Zahlreiche Unternehmen fragten sich, wie und woher sie noch Geld bekommen, um ihre Arbeit weiter finanzieren zu können. Existenzgründer zittern gar, bevor sie überhaupt loslegen können. „Das Problem ist, dass Investoren ja irgendwann wieder gewinnbringend aus dem Geschäft aussteigen wollen, entweder über einen Börsengang oder durch einen Verkauf des ganzen Unternehmens“, sagt Christély. „Beide Ausstiegsalternativen sind in dem jetzigen Umfeld fast unmöglich.“
Auch Kai Uwe Bindseil, Leiter des Branchenverbandes BioTop Berlin-Brandenburg, hat beobachtet, wie stark sich Investoren derzeit zurückhalten. „Der Markt ist im Moment Schock gefroren“, sagt er. Für die Branche ist das bedrohlich. Denn einige der rund 180 Biotech-Firmen in Berlin und Brandenburg bräuchten derzeit weiteren Kapitalzufluss von teilweise fünf bis zehn Millionen Euro, um mit ihren Entwicklungen nicht in Verzug zu kommen, sagt Bindseil. Von der Einhaltung der Patentlaufzeiten mal abgesehen. „Das trifft die Unternehmen existenziell“, sagt er. Namen will er aber nicht nennen.
Der Markt ist im Moment Schock gefroren
Experten zufolge wird das Jahr vor allem für jene Firmen hart, die noch recht weit am Anfang stehen und über die ersten Finanzierungsrunden hinaus kommen müssen. „Die große Mehrheit der Kapitalgeber ist an Unternehmen interessiert, die Produkte in der späten Entwicklungsphase vorweisen können“, sagt Julia Schüler von der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Ernst & Young und Autorin des jährlich erscheinenden Deutschen Biotech-Reports. Momentan gebe es aber bundesweit nur maximal drei Firmen, die soweit seien, dass ihre Medikamente noch in diesem Jahr auf den Markt kommen könnten. Eine Berliner Firma ist nicht mehr dabei, seitdem Jerini im vergangenen Jahr an ein britisches Unternehmen verkauft worden war.
Schüler hat daneben beobachtet, dass europäische Venture-Capital-Gesellschaften (VC) zuletzt weniger Geld zur Verfügung stellten als 2007. Ihren Berechnungen zufolge dürften sie 2008 rund 20 Prozent weniger investiert haben. „In der
Biotech-Branche ist das besonders deutlich“, sagt sie. „Langfristig werden da vermutlich einige Unternehmen auf der Strecke bleiben.“ Wie viele das sein können, vermag sie zwar nicht vorauszusagen, „aber so schlimm wie nach dem Platzen der New-Economy-Blase wird es sicher nicht“.
Auch Christély meint, dass die Unternehmen zunächst nicht reihenweise pleite gehen werden, sondern erst einmal verstärkt ihre Kosten reduzieren würden. „Das heißt, dass im schlimmsten Fall Stellen zusammengestrichen werden müssen“, sagt er. BioTop-Experte Kai Uwe Bindseil befürchtet außerdem, dass sich so manches Unternehmen unter Wert verkaufen wird, um an Geld zu kommen. „Das ist bitter, wenn da jahrelange Arbeit hintersteckt.“
Thomas Christély
Adresse: Robert-Rössle-Straße 10,
13125 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 40
Telefon: 030 / 94 89 28 00
Web: www.silence-therapeutics.de
So ein Szenario dürfte Silence Therapeutics nicht bevorstehen. Das Unternehmen habe noch kürzlich eine kleine Finanzierung durchbekommen und sieht sich für die nächsten Monate gut gewappnet. „Auch in schwierigen Zeiten ist es möglich, an Geld zu kommen“, sagt Christély. Allerdings hat Silence Therapeutics seine Finanzspritze aus England bekommen, wo es nach Christélys Angaben mehr institutionelle Investoren und VC-Gesellschaften gibt und vor allem solche, die sich besser in der Biotech-Branche auskennen. Das sei nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass das englische Steuersystem für Biotech-Firmen nicht die in Deutschland bestehenden schweren steuerlichen Nachteile enthielte. Christély rechnet daher damit, dass in der jetzigen Krise noch mehr Firmen versuchen würden, sich Kapital im Ausland zu beschaffen oder ganz wegziehen.
Sein Vorschlag, um die Biotech-Branche in Deutschland gesund durch die Krise zu bringen: „Die Schaffung eines Eigenkapitalfonds durch die Bundesregierung wäre nicht schlecht, um durch Ko-Investitionen auch in diesen schwierigen Zeiten Investoren für Biotechnologie-Firmen zu gewinnen.“
Yasmin El-Sharif
Aus der Ausgabe 2 / 2009
