Emotionales Geschäft
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Ein-Mann-Betrieb. Laden-Inhaber Prochnow setzt auf seine Stammkunden. Foto: Thilo Rückeis |
Im Schaufenster des Schreibwarengeschäfts Vincenz Sala hängt ein Schwarz-Weiß-Foto des Ladens von 1935. Und auch von innen erinnert der Verkaufsraum an der Potsdamer Straße an vergangene Zeiten: Schwere, dunkle Holzregale, vollgestopft mit Papierrollen, Kartons und anderem Kleinkram. Die alte Registrierkasse aus den Fünfzigerjahren ist seit einigen Monaten kaputt, aber Ladeninhaber Michael Prochnow benutzt sie trotzdem weiter. Der 48-Jährige, der seit 23 Jahren hinter dem Verkaufstresen steht, verkörpert den traditionellen Ein-Mann-Betrieb, wie er heute kaum noch zu finden ist. Er lebt von seinen Stammkunden, verkauft einen Füller hier, einen Stempel da. „Wirtschaftlich wird es schwieriger in letzter Zeit“, gibt er zu.
Viele Menschen sind nicht in Urlaub gefahren und geben ihr Geld für kleine Dinge aus
Direkt nebenan ist das unternehmerische Gegenkonzept zu Prochnows Firma zu beobachten. Der Schreibwarenladen „Am Lützow“ ist groß und hell. Die Mitarbeiter laufen in gelben Polohemden herum wie emsige Arbeitsbienen. Aktuell ist in dem Laden alles auf den Schulanfang ausgerichtet. Viele bunte Sonderangebote sollen Stifte und Hefte an den Kunden bringen. „Wir richten unser Sortiment zunehmend auf solche Events aus“, sagt Juniorchef Thomas Krause. Nach dem Schulstart stehe bald das Geschäft mit den Kalendern für das kommende Jahr an. Weitere solche „Events“ sind Hochzeiten und Weihnachten, zu denen die Kunden Glückwunschkarten und Geschenkpapier kaufen. „Der Füller zur Kommunion ist auch ein Klassiker.“ Zwölf Mitarbeiter beschäftigt der Laden, der seinen Umsatz zu rund 60 Prozent mit Büromaterial für Firmenkunden macht. Die Wirtschaftskrise merke man vor allem beim Umsatz mit dieser Klientel, sagt Krause. „Da werden jetzt schon mal die alten Ordner aus dem Archiv wiederverwertet.“ Auch teurere Artikel wie beispielsweise hochwertige Locher liefen schon mal besser.
Der Status Quo deckt sich mit der Markteinschätzung der Kölner Unternehmensberatung BBE Retail Experts, die regelmäßig die Büro-, Papier- und Schreibwarenbranche unter die Lupe nimmt. Die Konjunkturkrise wirke sich in erster Linie auf den Großhandel aus, analysieren die Marktforscher in ihrer aktuellen Studie. „Weniger belastet ist die Nachfrage der privaten Endkunden“, heißt es dort. Private Haushalte hätten ein Umsatzpotenzial von 4,2 bis 5,6 Milliarden Euro. Auch der Bundesverband Bürowirtschaft (BBW) ist zuversichtlich. In der ersten Jahreshälfte sei der Umsatz in der Branche zwar um 3,4 Prozent zurückgegangen. Im wichtigen zweiten Halbjahr, welches Schulanfang und Weihnachtsgeschäft beinhalte, sei aber mit einer Erholung zu rechnen. Laut Bundesverband gibt es in Deutschland rund 2300 Schreibwarenläden.
Adresse: Potsdamer Straße 95,
10785 Berlin
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: 12
Telefon: 030 / 261 60 41
Web: www.amluetzow.de
Da das Einzelkämpferdasein mitunter schwierig ist, haben sich 800 dieser Fachhändler der Kooperation Prisma angeschlossen. Die Dachorganisation berät die Händler in betriebswirtschaftlichen Fragen und handelt für sie bessere Konditionen beim Einkauf aus. „Viele Kunden schätzen den persönlichen Kontakt“, sagt Michael Purper, der in der Zentrale die Fäden zusammenhält. Daher würden die kleinen Schreibwarenhändler nicht aussterben, auch wenn jährlich drei bis vier Prozent aufgeben. „Alles, was mit Emotionen besetzt ist, läuft gut“, erklärt er. Das seien beispielsweise Markenstifte, Grußkarten und Schulsachen. „Händler, die wirklich aktiv sind, denen fällt immer etwas Neues ein“, sagt Purper. Wichtig sei es, ein eigenes Profil zu haben und sich auf die Zielgruppe auszurichten.
Das eigene Profil zu finden, war für Prisma-Mitglied Birgit Lessak nicht schwierig. Ihr Laden „Schreiben und Basteln“ in Berlin-Lichtenrade liegt im Einzugsgebiet von acht Schulen. Dem entsprechend macht Schulbedarf rund 40 Prozent ihres Geschäfts aus. Weitere wichtige Absatzbringer sind Geschenkpapier und -bänder sowie Fotoalben. „Die Wirtschaftskrise hat mir nicht geschadet“, sagt Lessak. „Im Gegenteil: Viele Menschen sind nicht in den Urlaub gefahren und geben ihr Geld für kleine Dinge aus.“
Ein neues Geschäftsfeld hat sich für die Branche nun mit dem Strukturwandel bei der Post aufgetan. Da die Deutsche Post in Zukunft keine eigenen Filialen mehr betreiben will, wird der Service ausgelagert – zum Beispiel in Schreibwarenläden. Das funktioniere aber erst ab einer Verkaufsfläche von 70 bis 80 Quadratmetern, sagt Michael Purper. Denn die Postartikel nehmen Raum ein, der dann für das reguläre Sortiment fehlt. Zudem lasse sich mit der Post nicht viel Geld verdienen, sagt Purper. Das Kalkül sei ähnlich wie bei den Lotto-Annahmestellen: „Die Händler hoffen darauf, dass die Kunden auch etwas anderes kaufen, wenn sie sowieso schon im Laden sind.“
Daniel Gratzla
Aus der Ausgabe 10 / 2009
