Lesen am Bildschirm
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Buchhändler Sommerfeld weist im Internet auf Neuerscheinungen hin. Foto: Kitty Kleist-Heinrich |
Simon Seegers Buchhandlung befindet sich in einem Kreuzberger Hinterhof. Ein Schaufenster braucht sie nicht, denn es gibt gar keinen Verkaufsraum. In den Räumen im zweiten Stock stehen auch keine Bücher, sondern nur Computer: „Textunes“ ist ein digitaler Bücherladen. Das Start-Up-Unternehmen betreibt eine Onlineplattform, von der iPhone-Nutzer sich aktuelle Bücher kostenpflichtig aufs Handy laden können. Noch umfasst der digitale Buchladen kaum mehr als 100 Titel, das Angebot soll sich aber schon bald vervielfachen. „Die Downloadzahlen pro Titel reichen von einigen wenigen bis zu 400 pro Woche“, sagt Firmeninhaber Seeger.
Der Verkauf von E-Books wird wohl am Buchhandel vorbeigehen
Kein Papier – nur noch Bits und Bytes – sieht so der Buchladen der Zukunft aus? Noch werden kaum E-Books verkauft, aber die Großen der Branche treiben das Geschäft nun auch in Deutschland voran. Seit Oktober verkauft Amazon sein Lesegerät Kindle auch hierzulande, Sony ist mit dem E-Reader im Rennen. Auch das Berliner Start-Up-Unternehmen „Txtr“ bringt ein eigenes E-Book-Lesegerät auf den Markt: Der Txtr Reader soll 319 Euro kosten und ab dem 1. Dezember verfügbar sein. Mittels Mobilfunkverbindung lässt sich das Gerät mit dem Portal „TxtrNet“ verbinden, Buchtitel können in einem Onlineshop gekauft und freie Inhalte aus dem Internet heruntergeladen werden. Auch über einen USB-Anschluss oder Wireless LAN lässt sich das Lesegerät bestücken.
Der Börsenverein des deutschen Buchhandels hat gerade seine eigene digitale Plattform „Libreka“ an den Start gebracht. Auf dem Internetportal können 100 000 Bücher im Volltext durchsucht werden, 14 000 stehen als E-Book zum Download bereit. Der Börsenverein versucht, die Buchhändler an den Erlösen zu beteiligen, aber eigentlich braucht man sie für den Download nicht. „Der Verkauf von E-Books wird wohl am Buchhandel vorbeigehen“, sagt daher auch Detlef Bluhm vom Börsenverein des deutschen Buchhandels in Berlin.
Eine Möglichkeit, den stationären Handel einzubinden, sind Kombi-Modelle nach dem Prinzip: Wer ein Buch im Laden kauft, bekommt dazu einen Gutscheincode für ein E-Book. Der Berliner Wissenschaftsverlag De Gruyter betreibt dies in Zusammenarbeit mit der Plattform paperC.de, die wie ein digitaler Copy-Shop funktioniert. „Ich glaube aber nicht, dass der Buchhandel da viel von hat“, sagt Bernhard Sommerfeld von der Fachbuchhandlung Lehmann’s am Ernst-Reuter-Platz. Wichtiger wäre es, wenn die Plattform für die Bestellung von Print-Büchern nicht auf Amazon, sondern auf Lehmann’s verweisen würde, erklärt Sommerfeld. Gespräche mit paperC.de seien bereits im Gange.
Katja Reichard, Axel Wieder
Adresse: Almstadtstr. 48–50,
10119 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 10
Telefon: 030 / 24 72 85 20
Web: www.pro-qm.de
Sommerfeld sieht die neue digitale Welt keinesfalls als Fluch. „Soziale Netzwerke bieten die große Chance, neue Kunden zu finden“, sagt der szenebekannte Blogger. So betreut der Berliner die Facebook-Seite der Lehmann’s-Kette. Hier weist er auf Neuerscheinungen und Veranstaltungen hin, steht in ständigem Kontakt mit Kunden und Geschäftspartnern. Die Seite hat 316 registrierte Fans und wird rege besucht. Auch bei Twitter ist Sommerfeld aktiv: Als er kürzlich twitterte, dass er ein spezielles Buch zur Programmiersprache Pearl anbiete, tauchten innerhalb kürzester Zeit 20 Leute im Laden auf und wollten ein Exemplar kaufen.
So weit sind die meisten Buchhändler aber noch lange nicht. Zwar haben fast alle mittlerweile eine Homepage, einige auch einen Facebook-Account. Ihre Nische sucht sich die Mehrzahl der Händler aber in der analogen Welt. „Wichtig ist, dass man kompetente Leute hat, die gut beraten können“, sagt Ruth Klinkenberg von der Marga Schoeller Bücherstube. Die Traditionsbuchhandlung aus dem Dunstkreis des Kurfürstendamms pflegt vor allem ihre Spezialgebiete: die englischsprachige und die Kinderbuchabteilung.
Noch spezieller ist das Angebot der Buchhandlung „Pro qm“ am Rosa-Luxemburg-Platz. Die Kategorien heißen hier nicht Krimi, Roman und Reisen, sondern „Konsumtheorie“, „Metropolenmonografien“ oder „Partizipative Architektur“. Die Inhaber sind keine ausgebildeten Buchhändler, sondern Künstler, Designer, Architekten. In den entsprechenden Kreisen ist „Pro qm“ bekannt und anerkannt. „Die Leute vertrauen auf unseren Geschmack und die qualifizierte Vorauswahl, die wir treffen“, sagt Mitinhaberin Katja Reichard. Empfehlungen stehen auch auf der Facebook-Seite des Ladens, Einladungen zu Lesungen werden über den E-Mail-Verteiler verschickt. „Das E-Book ist für uns gar keine Konkurrenz“, sagt Reichard. Künstlerische Produkte wie aufwändige Bildbände wolle sich doch niemand am Monitor anschauen.
Daniel Gratzla
Aus der Ausgabe 11 / 2009

