Der schnelle Kredit
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Kein schmuddeliger Hinterhof: Ein Pfandhaus an der Friedrichstraße Foto: Doris Spiekermann-Klaas |
Der Genießer schweigt bekanntlich. Da liegt der Schluss nahe, dass das Gewerbe der Pfandhäuser ausschließlich aus Genießern besteht. Kaum ein Haus will sich zu konkreten Umsatzzahlen äußern. „Wir können durchaus zufrieden sein“, heißt es wolkig. „Es läuft prima“ oder auch einfach: „Es war ein sehr, sehr gutes Jahr.“
Wie gut es dem einzelnen Pfandhaus wirklich gehen muss, lässt sich daher nur erahnen. Fakt ist, dass sich die gesamte Branche seit Jahren über kontinuierliches Wachstum freut. Im Jahr 2009 haben die deutschen Pfandleiher einen Umsatz von 530 Millionen Euro gemacht. Damit konnten sie sogar das Rekordjahr 2008 noch einmal übertreffen.
Sogar Banken schicken ihre Kunden zu uns, wenn sie ihnen keinen Kredit geben können
Einer der Gründe für den Boom ist der gestiegene Goldpreis. Dadurch können Pfandleiher Münzen und Uhren mit Goldanteil mit höheren Kreditsummen beleihen als noch vor ein paar Jahren. Daneben sorgt vor allem die restriktive Kreditvergabe der Banken für Hochkonjunktur bei den Pfandhäusern. „Die Leute begreifen, dass wir eine Alternative zum klassischen Bankkredit sind“, sagt Wolfgang Schedl, Geschäftsführer des Zentralverbandes des Deutschen Pfandkreditgewerbes (ZdP). „Es ist sogar schon vorgekommen, dass Banken ihre Kunden zu uns geschickt haben, wenn sie ihnen keinen Kredit geben konnten.“ Inzwischen würden auch immer mehr Handwerksbetriebe und Mittelständler das Pfandhaus in Anspruch nehmen, sagt Schedl. Der Vorteil eines Pfandkredits gegenüber dem einer Bank liegt auf der Hand: Die Antragstellung ist unbürokratisch. Oder, wie Peter Schwenker, Filialleiter der Exchange AG an der Friedrichstraße, es ausdrückt: „Bei uns muss man sich nicht wie bei einer Bank bis auf die Unterhose ausziehen.“ Heißt: Der Pfandnehmer benötigt weder Sicherheiten noch eine Schufa-Auskunft. Er muss lediglich seinen Personalausweis vorlegen – und natürlich einen Wertgegenstand, den er verpfänden will. Auf den Pfandkredit zahlt er dann pro Monat ein Prozent Zinsen sowie eine Unkostenvergütung, die in der Regel bei 2,50 Euro liegt.
Klar ist: Bei einer langen Laufzeit ist der Kredit deutlich teurer als ein Bankkredit. Löst man den Pfandgegenstand aber binnen weniger Wochen wieder ein, sind die Kosten überschaubar. Mit den Vorteilen dieser Kurzzeitkredite wirbt der Verband. „Wenn ein Unternehmer für vierzehn Tage 20 000 Euro braucht, legt er bei uns eine Rolex und zwei Cartier-Ketten seiner Frau auf den Tisch. Zwei Minuten später hat er das Geld. So einfach ist das“, sagt Schedl.
In der Tat ist es der schnelle und einfache Zugang, der Privatleute sowie Unternehmen ins Pfandhaus zieht. Und auch das Image der Pfandhäuser ist besser geworden. Sie bedienen keine Charles-Dickens-Phantasien, in denen der Pfandleiher als furchtbarer Halsabschneider dargestellt wird, der armen Schluckern das Geld aus dem Ärmel zieht.
Die Filiale der Exchange AG an der Friedrichstraße zum Beispiel ist auf den ersten Blick gar nicht als Pfandhaus zu erkennen. Mit edlem Schmuck in beleuchteten Vitrinen auf der einen und Schaltern aus dunklem Holz auf der anderen Seite ist sie eher eine Mischung aus einem Juwelier und einer konventionellen Bank.
Seit Jahren wächst das Geschäft der Filiale kontinuierlich. Vor drei Jahren verlängerte man sogar die Öffungszeiten pro Tag um zwei Stunden, da der Andrang zu groß war. „Wir sind krisenfest“, sagt Filialleiter Schwenker und lächelt selig.
Es scheint, als könne die Branche nichts erschüttern. Doch einen Wermutstropfen gibt es: Viele wollen auf den Zug selig lächelnder Pfandleiher aufspringen – und sich mit einem Pfandhaus selbstständig machen. Die formalen Anforderungen dafür sind gering: Interessenten benötigen lediglich ein astreines polizeiliches Führungszeugnis sowie eine Gewerbeerlaubnis. Kein Wunder, dass viele das schnelle Geschäft wittern. Die Zahl der Anfragen beim Verband hat sich in den vergangenen Jahren verdreifacht.
Der Betrieb sucht Mitarbeiter für den Schmuckverkauf
Geschäftsführer: Andrea Ruhfus
und Michael Diell
Adresse: Eisenacher Straße 85,
10781 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 40
Telefon: 030 / 88 03 39 70
Web: www.exchange-ag.de
„Es ist wirklich massiv“, klagt Schedl vom Zentralverband. „Viele Interessenten gehen blauäugig an die Sache. Sie unterschätzen das Geschäft.“ Er spricht von „horrenden Anschaffungskosten“. Panzerschränke, Videoüberwachung, Miete für repräsentative Räume. Schedl seufzt. „Von der fachlichen Qualifikation, die man benötigt, ganz zu schweigen.“ Und: Nach Schätzungen benötigt man etwa 500 000 Euro Kapital, um das Geschäft rentabel zu betreiben. „99,9 Prozent der Interessierten lassen die Idee wieder fallen, nachdem ich sie aufgeklärt habe“, sagt Schedl. Um auf Nummer sicher zu gehen, hat der Verband vor kurzem noch ein ausführliches Schreiben herausgegeben. Der Titel: „Pfandkreditgewerbe – kein Geschäft zum Reichwerden.“
Anne Hansen
Aus der Ausgabe 3 / 2010
