Platz zum Wachsen

Eine moderne Büroausstattung sieht nicht nur gut aus. Möbelhändler sagen, sie kann sogar die Produktivität steigern
Kommunikationsraum: Arcway-Chef Andreas Bungert in der Firmenküche
Foto: Doris Spiekermann-Klaas
Da saßen Softwareentwickler Tür an Tür und kamen doch nicht zusammen. Nicht mal auf dem Flur oder in der kleinen Teeküche. Es gab vermeidbare Abstimmungsfehler. Die Kollegen schüttelten die Köpfe. „Warum haben die nicht miteinander geredet?“

Andreas Bungert sitzt im hellen Konferenzzimmer mit den orangefarbenen Vitra-Stühlen. Hier zeigt er seinen Kunden, wie sie ihre Geschäftsabläufe optimieren können. Arcway, 2004 als erste Ausgründung des Hasso-Plattner- Instituts in Potsdam entstanden, ist darauf spezialisiert, großen Firmen zu zeigen, an welchen Schnittstellen zwischen den Abteilungen wertvolle Zeit verloren geht. Es geht meistens um Kommunikationsprobleme, dem „Aneinandervorbeireden von Business und IT“ – Arcway zufolge eine große Kostenfalle. Arcway saß bis vor einem Jahr in einem alten Schering-Gebäude an der Jungfernheide. „Das erinnerte an ein Krankenhaus. Jedes Team saß in seinem Käfig“, sagt Bungert. Über den langen Flur war die Teeküche zu erreichen, aber die war so klein, dass sich niemand dort länger als nötig aufhielt. So kam es zu einem chronischen Mangel an „informeller Kommunikation“.

Das Büro ist wie die eigene Kleidung. Passt sie nicht zu einem, fühlt man sich unwohl. Viele ITund Medienunternehmen haben entdeckt, dass die Bürolandschaft, die Gestaltung der eigenen vier Wände, ein wichtiger Erfolgsfaktor ist. „Wir merken einen Boom bei jungen Firmen, sich neu und hochwertig auszustatten“, sagt Wilfried Lembert von „minimum einrichten“. Es geht um Design und hochwertige Technik, aber auch um eine bessere Ausnutzung des vorhandenen Raumes. Die steigenden Büromieten an attraktiven Standorten zwingen zu neuen Konzepten. Nicht jeder Mitarbeiter braucht einen eigenen Schreibtisch, schon gar kein eigenes Zimmer. „Open Space“ und „Business-Club“ sind die Schlagwörter für eine weitgehend wandfreie Raumstruktur mit Flächen für intensives Arbeiten und kreatives Entspannen in der „Revitalisierungszone“. Der Trend geht zu „non-territorialen Büros“, sagt Alexander Breustedt vom Einrichtungshaus „Graef-Office“. „Zumindest bei Unternehmen die so Arbeiten können, etwa Unternehmensberatungen.“

Für Arcway war das Schering- Gebäude ohnehin zu klein geworden. Die Firma residiert jetzt in einem 450 Quadratmeter großen Trakt im „Spree-Bogen-Center“ in Moabit. Wilfried Lembert von „minimum einrichten“ hat das offen gegliederte Raumkonzept entworfen. Im Mittelpunkt – das war der Wunsch der Mitarbeiter – steht der Essbereich mit Küchenzeile als zentralem informellen Treffpunkt. Die Farbe Orange dominiert auch hier – sie soll den Appetit anregen. Türen gibt es immer noch, aber nur aus Glas.

Rund 20 Beschäftigte arbeiten in dem neuen Firmensitz, 20 weitere könnten problemlos dazu kommen, wenn Arcway weiter wächst. Es gibt geschlossene Büros für Geschäftsführung und Buchhaltung. Die Entwickler arbeiten in einem Großraumbüro mit Sicht- und Schallblenden zwischen den Schreibtischen. Die Bilanz nach einem Jahr: „Sehr zufrieden“, erklärt Bungert.

Die Berliner Büroeinrichter profitieren vom positiven Image der Stadt und der guten Konjunktur. „Wir wachsen rund 30 Prozent pro Jahr“, sagt Lembert von „minimum“. Vor allem die Zuzügler seien offen für neue Bürokonzepte. Lemberts Kollege Ruben Hutschemaekels schwärmt von einer „sinnhaften Landschaft aus Möbeln“, spielerisch über die Bürofläche verstreut. Der Arbeits- Platz zum Wachsen platz sollte besser aussehen als das Wohnzimmer zu Hause, einfach, weil man sich viel länger dort auf hält. Nicht nur Werbeagenturen lassen sich von dem neuen Stil überzeugen: Hutschemaekels hat auch das „British Council“ für eine Open-Space- Lösung gewonnen.

Bevor das kreative Spiel mit Raumteilern, Arbeitstheken und Grünpflanzen beginnt, analysieren die Einrichter die Abläufe in der Firma. Wer spricht wann mit wem? Welche Laufwege wiederholen sich häufig? Wer ist wie lange im Büro? Auch Umwelt und Gesundheit – kurz: Ergonomie – spielen eine wichtige Rolle. Einrichter Breustedt hat in seinen eigenen Büroräumen Schreibtische installiert, die per Knopfdruck zu Stehpulten hochgefahren werden können – Stückpreis ab rund 500 Euro. „Das amortisiert sich beim ersten Bandscheibenvorfall, der dadurch verhindert wird“, sagt Breustedt. Er berät Firmen wie MySpace, Motorola, Alba oder Vattenfall. Im alten Abspannwerk Wilhelmsruh richtet die Firma gerade die Zentrale einer Vattenfall- Tochter ein. 400 Arbeitsplätze fast durchweg in Open-Space-Athmosphäre. Breustedt: „Das wird sensationell.“

Thomas Loy


Aus der Ausgabe 6/2008
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