Neue Wagenburgen

Egal ob Mittelklasse oder Luxusmarke – in Berlin investieren Autohersteller und Autohändler in neue Niederlassungen und Showrooms. Dabei ist der Berliner Markt nicht für Kaufkraft bekannt
Turmbau zu Berlin: Die neue Audi-Niederlassung in Adlershof hat 34 Millionen Euro gekostet. Foto: promo

Es wirkt wie ein gegenseitiges Hochrüsten, was die Automobilindustrie sich derzeit in Berlin liefert. Gerade hat Audi in Adlershof eine 34 Millionen Euro teure neue Hauptstadtpräsenz mit spektakulärem Autoturm eröffnet. BMW baut am Kaiserdamm für 65 Millionen Euro – sicher auch, um die imposante Mercedes-Benz-Welt am Salzufer­ zu kontern. Ganz in der Nachbarschaft ist schon ­Maserati seit ein paar Wochen zu Hause, und im Sommer zieht Rolls-Royce in einen edlen Showroom, den Riller & Schnauck am Hindenburgdamm baut.

Die Händleroffensive erstaunt, schließlich ist Berlin keine sonderlich autoaffine Stadt. Die Berliner besitzen im Durchschnitt deutlich weniger Autos als der Rest der Deutschen. Außerdem ist der Hauptstädter nicht gerade für seine Kaufkraft bekannt. Der Slogan „Arm aber sexy“ gilt eben nicht nur für die kommunalen Finanzen. Was treibt die Autobauer?

„Die meisten Hersteller betrachten ihre Berliner Dependancen als Visitenkarten für die Marke“, ist Eckehart Rotter vom Verband der Automobilindustrie (VDA) überzeugt. Attraktiv für die Branche sei es auch, sich im Fahrwasser von viel beachteten Veranstaltungen präsentieren zu können, wie zuletzt bei der Fashion Week oder der 125-Jahr-Feier des Kurfürstendamms. Oft sei es aber auch gar nicht der Berliner selbst, der in Berlin einkauft. „Millionen von Touristen kommen jedes Jahr in die Stadt, da sind spektakuläre Autohäuser interessante Anziehungspunkte“, sagt Rotter. Ganz besonders gelte das für zahlungskräftige Kunden aus Osteuropa und Russland, die sich bei Aufenthalten in Berlin auch gerne mal ein neues Auto gönnen.

Berlin ist nicht München, aber wir profitieren von der Nähe zu Osteuropa

„Wir haben uns mit einer Verkaufsassistentin aus Moskau darauf eingestellt“, sagt Tony ­Wilcke vom Autohaus am Salzufer, das neben Maserati (Einstiegspreis 120 000 Euro) auch Lamborghini verkauft. „Selbst wenn die Kunden Englisch sprechen können, fühlen sie sich in ihrer Muttersprache einfach wohler, und das ist natürlich auch gut für uns.“ Für eine weitere Verkaufsassistentin, die Polnisch spricht, hätte das Autohaus sofort Verwendung. „Wenn Berlin schon nicht mit Hamburg und München zu vergleichen ist, dann profitieren wir wenigstens von der Nähe zu Osteuropa“, freut sich Wilcke. In Polen gebe es keinen einzigen Lamborghini-Händler, da liege Berlin nahe. Die Hälfte aller verkauften Autos entfalle auf Kunden, die nicht aus der Region kommen.

Audi erhofft sich in Adlershof in erster Linie Vorteile von der Nähe zum bald einzigen Hauptstadtflughafen. Der Zuzug von Menschen und Firmen in den Berliner Südosten ist klar zu beobachten, und somit wächst auch die Zahl der potenziellen Kunden. Berlin habe eine „spürbare Sogwirkung auf junge Menschen sowie auf Unternehmen aus der ganzen Welt“, sagt Ferdinand Schneider, Geschäftsführer der Audi Zentrum Berlin GmbH. „Da ist es klar, dass Automobilunternehmen, gleich welcher Marke, daran partizipieren möchten.“ Berlin ist für Audi besonders interessant, weil die Marke bewusst jüngere Kunden ansprechen will als zum Beispiel Mercedes Benz.

Auch BMW wird am neuen Flughafen vertreten sein. In einer 5000 Quadratmeter großen Halle auf dem alten Flughafengelände entsteht eine Interimsniederlassung. Das zukünftige BMW-Flagschiff in der Hauptstadt wird allerdings die Niederlassung am Kaiserdamm. „Unsere Planungen haben schon vor fünf Jahren begonnen“, sagt Hans-Reiner Schröder, Direktor von BMW Berlin, „dann kam die Finanzkrise und hat alles etwas verzögert.“ Die Eröffnung ist nun für Anfang 2014 geplant.

Trotz der Krise habe niemand im Konzern das Bauvorhaben in Frage gestelllt. „Wir betrachten die Niederlassung aber nicht als Visitenkarte, sie muss genauso rentabel sein wie jedes andere BMW-Autohaus auch“, beteuert Schröder. „Berlin ist für uns ein guter Absatzmarkt, auch weil immer mehr Großkonzerne in die Stadt kommen.“ Zudem werde die Marke BMW von vielen Türken und Russen sehr gerne gekauft. Wichtige Kunden seien auch die 158 Botschaften, deren Zahl Schröder natürlich genau kennt. Der Absatz bei Firmenkunden halte sich mit den Privatkunden in etwa die Waage.

Arne Bensiek


Aus der Ausgabe 6 / 2012

Zurück