Für jeden Geldbeutel

Schmuck, Bilder, Porzellan: Im Antikmarkt am Bahnhof Friedrichstraße ist das Angebot groß. Aber Kunden kommen immer weniger
Antiquitätenhändlerin Girod in ihrem Laden: Es fehlt der Nachwuchs.
Foto: Thilo Rückeis
Wenn die S-Bahn über die Bögen rattert, dann klimpern im Geschäft darunter die Jugendstillampen an der Decke und die silbernen Serviettenringe in der Auslage. An die Erschütterungen und den Lärm hat sich Lutz Waroschitz längst gewöhnt. Er verhandelt ungerührt weiter mit dem Mitarbeiter einer Produktionsfirma, der einen antiken Gehstock für einen Film ausgeliehen hat. Seit 16 Jahren hat Waroschitz sein Geschäft Sammelsurium im Antikmarkt am Bahnhof Friedrichstraße. Und obwohl er mittlerweile 65 Jahre alt ist, denkt er noch lange nicht ans Aufhören.

Seit 1992 gibt es den Antikmarkt in Mitte. 30 Händler verkaufen unter den S-Bahnbögen antike Uhren, Schmuck, Bilder, Porzellan, Kleinmöbel sowie Sammlerstücke und auch ein bisschen Trödel. Waroschitz und viele andere Händler waren schon am alten Standort dabei: Von 1973 bis 1990 hatte der Antikmarkt sein Domizil am Nollendorfplatz. Nach dem Mauerfall mussten die Händler U-Bahnhof und Waggons dort binnen drei Monaten räumen. Denn hier sollten nach der Wiedervereinigung wieder Züge fahren. Mit den S-Bahn-Bögen in der Georgenstraße habe man dann einen idealen neuen Standort gefunden: In zentraler Lage und mit vielen Touristen, wie Geschäftsführer Jürgen Badusch von der Antikmarkt Berlin KG sagt. „Für die Kunden ist vor allem die große Vielfalt des Angebots interessant“, sagt er. „Hier gibt es für jeden Geldbeutel etwas.“

Doch den Geldbeutel, beobachtet Waroschitz, halten die Besucher, die durch die Geschäfte unter den Bögen schlendern, immer fester zu. „Die Leute überlegen sehr genau, was sie kaufen“, sagt Waroschitz. „Denn was wir anbieten ist nicht für den täglichen Bedarf bestimmt. Es sind allenfalls Dinge, die Freude machen.“ Früher sei das Geschäft besser gelaufen: Am Nollendorfplatz hätten die Besucher alles gekauft, was alt aussah. Ganze Schulklassen kamen vorbei. Heute sei das anders: „Die Leute, die Geld ausgeben können und wollen, sind sehr anspruchsvoll geworden.“ Daher sei auch die Qualität des Angebots heute besser. Aber es fehlt den Kunden nicht nur am Geld, sondern auch an der Liebe zu den alten Dingen. „Junge Leute interessieren sich immer weniger dafür“, konstatiert Claudia Girod, die einen Bogen weiter Schmuck und Silberwaren verkauft.

Doch nicht nur bei den Kunden fehlt der Nachwuchs. „Selbst die Händler wachsen nicht nach“, sagt die 49-Jährige. „Als ich angefangen habe mit Antiquitäten zu handeln, da war ich Mitte 20. In dem Alter finden sie heute kaum jemand, der das macht.“
Dabei muss man gar nicht Kunstgeschichte studiert haben, um mit Antiquitäten zu handeln. „Man muss es einfach nur schön finden“, sagt Joachim Hänold, der im Bogen 193 vor allem Küchenantiquitäten und Porzellan ver-kauft. Er selbst hat Ökonomie studiert, Girod war früher Reiseverkehrskauffrau und Waroschitz Kellner. „Man muss sich mit Fachliteratur permanent weiterbilden“, sagt Hänold. Informationen sammeln die Händler auch auf Auktionen und in Museen. Am meisten lerne man durch den Kontakt mit Sammlern, meint Waroschitz. „Das sind auch unsere besten Kunden“, sagt Girod.

Doch Weiterbildung allein reicht nicht. Alle drei verbindet die Leidenschaft zu den alten Dingen, die sie nicht nur verkaufen, sondern mit denen sie auch leben. Hänold hat seit acht Jahren keinen Urlaub mehr gemacht. Täglich sitzt er in seinem Laden, auch Sonntags hat der Antikmarkt geöffnet, nur Dienstags ist geschlossen.

Girod verkleinert gerade ihr Geschäft. Doch dass sie aus der Reisebranche in den Antiquitätenhandel wechselte, hat sie kein bisschen bereut. Ihr gefällt die Selbstständigkeit. „Im Moment kann man die Ware gar nicht so schnell verkaufen, wie man sie bekommt“, berichtet Hänold. Wie zum Beweis verkauft er in wenigen Minuten einer Touristin aus Sachsen eine Minikanne für ein Puppenhaus (20 Euro) und erwirbt dann drei Aschenbecher aus Meissner Porzellan (50 Euro) von einem Mittfünfziger, der behauptet, er habe gerade das Rauchen aufgegeben. Auch wenn die Geschäfte nicht so gut laufen, den Spaß daran hat Hänold nicht verloren. Ihm gefällt, dass er nicht mit Ware aus dem Katalog handelt, sondern immer mit Neuem zu tun hat.

Das Internetauktionshaus Ebay, das sagen alle drei, macht ihnen das Geschäft schwer. Aber das Internet bietet auch Chancen. Hänold und Girod haben bereits eine Präsenz im Netz. Hin und wieder verkauft er dort auch etwas, sagt Hänold.

Corinna Visser

Sammelsurium
Inhaber:
Lutz Waroschitz
Adresse: Georgenstr. Bogen 195,
10117 Berlin
Telefon: 030 / 208 25 77
Web: www.berliner-antikmarkt.de

Claudia & Mike Antiquitäten
Inhaberin:
Claudia Girod
Adresse: Georgenstr. Bogen 194, 10117 Berlin
Telefon: 030 / 204 43 01
Web: www.claudia-mike- antiquitaeten.de
 
Antiquitäten Hänold
Inhaber:
Joachim Hänold
Adresse: Georgenstr. Bogen 193, 10117 Berlin
Telefon: 030 / 20 16 50 58
Web: www.haenold.de/antik/

Aus der Ausgabe 7/2008
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