Champagner um zwei
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Spätkauf gibt es eigentlich gar nicht mehr - sagt Inhaber Özer Lütfi. Foto: Doris Spiekermann-Klaas |
Özer Lütfi erzählt eine Anekdote. Der Mann mit dem grauen Schnurrbart und dem lichten Haar hat vor anderthalb Jahren seinen Spätkauf in der Lychener Straße eröffnet. Und die Anekdote beschreibt sein Geschäftsmodell wohl am besten. Kurz vor Mitternacht ist einmal ein Mann vorgefahren, schickes Auto, gut angezogen. Er wollte Champagner kaufen. Kein Problem für Lütfi. Er holte eine 80 Euro-Flasche. Der Mann war überrascht, dass er so etwas um diese Zeit findet. Zwei Stunden später kam er wieder und kaufte noch zwei weitere Flaschen.
Lütfi verkauft auch billiges Bier oder Tabak. Aber er hat eben auch Dinge, die nicht jeder Spätkauf hat. Ein riesiges Weinsortiment mit über 200 Sorten beispielsweise. Der teuerste kostet 28 Euro. „Für einen Spätkauf ist das Luxus“, sagt Lütfi. Sein Laden heißt „Les vignes“. „Das Ambiente muss besonders sein“, sagt er.
So will Özer Lütfi auf sich aufmerksam machen, denn die Konkurrenz ist groß. Supermärkte, Tankstellen, viele andere Spätkaufläden. Sie alle dürfen seit der Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten in Berlin vor etwa zwei Jahren an Werktagen und samstags so lange öffnen, wie sie wollen. Spätkauf ist überall. Oder anders: „Den Spätkauf gibt es nicht“, sagt Lütfi.
Das ist insofern richtig, als der Name bei den Wirtschafts- und Ordnungsämtern der Bezirke nicht auftaucht. Neue Läden werden dort als Einzelhandel erfasst. Oder als Gastronomie. Deswegen hat auch niemand einen Überblick darüber, wie viele Spätkauf-Läden es in Berlin gibt. „Etwa 300“, meint Lütfi, aber offiziell ist das nicht.
Hier in der Straße gibt es keinen, der nicht schon tausende Euro Bußgeld gezahlt hat
Der klassische Spätkauf ist der Laden an der Ecke, oft rund um die Uhr geöffnet. So wie der Kiosk Kesgin am Schlesischen Tor. „24hrs open“, verspricht eine blinkende Leuchtreklame. Zigaretten, Bierflaschen, Weingummi – der kleine Raum ist voller Waren. „Wenn man speziell arbeitet, kommt das gut an“, sagt Yildirim, der für seinen Kumpel eingesprungen ist. Eigentlich führt Yilo Kesgin den Laden mit seiner Familie, den beiden Brüder und dem Schwager. Das Spezielle hier? „Unsere Auswahl an heißen Getränken“, sagt Yildirim und deutet auf die silbern glänzende Kaffemaschine hinter dem Tresen. Und die Kommunikation mit dem Kunden sei wichtig. „Das Wort ‚Sie’ gibt es bei uns nicht.“ In Kreuzberg seien die Leute eben offener.
Eigentlich ist der Spätkauf aber ein Ostberliner Phänomen. Die Läden gab es schon vor der Wende und später bekamen sie Bedarfsschutz. Wenn alles andere zu hatte, durften sie noch öffnen. „Im Westen haben vor allem Tankstellen diese Funktion übernommen“, sagt Jan Pörksen von der Industrie- und Handelskammer Berlin. Jetzt haben auch viele Supermärkte bis 24 Uhr auf, insbesondere die Kaiser’s- und Reichelt-Geschäfte. „Der Einkauf im Supermarkt unterscheidet sich aber von dem im Spätkauf“, sagt Pörksen.
Ein Reichelt-Sprecher bestätigt, dass die Kunden auch zu später Stunde „klassisch“ einkaufen, sich also nicht nur mit einem Träger Bier versorgen. „Vermutlich schaden die längeren Öffnungszeiten den Spätkaufs nicht“, sagt deswegen Pörksen. Es sei denn, so schränkt er ein, wenn die nächste Supermarkt-Filiale 100 Meter weiter ist. „Das wird ein Spätkauf sicher merken.“ Lütfi kann mit der Konkurrenz leben. Sein Hauptgeschäft beginnt gegen 20 Uhr, wenn nicht mehr jeder Supermarkt auf hat.
Für ihn gibt es deswegen ein drängenderes Problem: Er darf nicht am Sonntag öffnen. Das dürfen nur Blumenläden, Backshops und Zeitschriftenläden. „Wenn ich im Monat vier Sonntage aufhabe, dann kann ich schon meine Miete bezahlen“, rechnet er vor. Obwohl er schon bisher sein halbes Leben im Laden verbringt, möchte er auch am Sonntag öffnen können.
Gegen elf oder zwölf schließt Özer Lütfis Frau in der Regel den Laden auf. Lütfi macht vielleicht noch Besorgungen, kurze Zeit später kommt er aber auch. Und dann hat er in der Woche bis zwei Uhr geöffnet, am Wochenende bis vier oder fünf. Er ist nicht der einzige, der die komplette Liberalisierung der Öffnungszeiten will. „Hier in der Straße gibt es keinen, der nicht schon tausende Euro Bußgeld gezahlt hat“, berichtet er. Denn viele öffnen einfach am Sonntag – illegal.
„Es eskaliert ein bisschen“, sagt Jens-Holger Kirchner (Bündnis’90/ Die Grünen), Stadtrat für öffentliche Ordnung in Pankow. Immer mehr Läden suchten den Konflikt und nähmen auch Bußgelder in Kauf. „So ein Verfahren dauert und außerdem verdienen sie immer noch mehr Geld als sie verlieren“, sagt Kirchner. Allerdings nicht ohne Risiko: Im schlimmsten Fall droht der Entzug der Verkaufserlaubnis.
Matthias Jekosch
Firmeninfos
Les Vignes
Inhaber: Özer Lütfi
Adresse: Lychener Straße 4,
10437 Berlin
Kiosk Kesgin
Inhaber: Yilo Kesgin
Adresse: Skalitzer Straße 73,
10997 Berlin
Aus der Ausgabe 8 / 2008
