Die Erfahrung rechnet sich
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Den längeren Atem gehabt: Sylvia Wesolowski (47) in ihrem Workshop Foto: Mike Wolff |
Max wird bald sterben. Also gibt Sylvia Wesolowski einen aus: „Ich bin happy, heute köpfen wir ’ne Flasche Sekt“, sagte die Ladeninhaberin, als sie von dem nahen Ende ihres Konkurrenten erfuhr. Die 47-Jährige betreibt den Workshop, ein Fachgeschäft für Werkzeug, Eisenwaren, Farben, Sanitärbedarf und Elektroartikel in der Prenzlauer Allee. Und Max heißt mit vollem Namen „Max, der kleine Baumarkt“. Er ist ein Ableger der großen Traditionsbaumarktkette Max Bahr, gegründet 1873 in Hamburg. Im Juni 2007 hatte direkt gegenüber ihres Ladens, auf der anderen Straßenseite einer dieser Bahr-Mini-Baumärkte eine Filiale geöffnet.
Nach und nach eröffnete Max Bahr 15 Filialen allein in Berlin. Man wollte auszuprobieren, ob es gelingt, mehr Menschen in den innerstädtischen Wohnquartieren als Kunden zu gewinnen. Studenten etwa, die kein eigenes Auto haben, die oft umziehen und daher oft renovieren müssen. Von 200 Mini-Baumärkten war die Rede. Aber Mitte Januar kündigte Max Bahr nun an: „Das Kleinflächen-Konzept ‚Max, der kleine Baumarkt’ wird eingestellt.“ Spätestens am 28. Februar sollen alle Filialen schließen. Also auch Sylvia Wesolowskis ungeliebter Konkurrent.
Während die Kleinunternehmerin jetzt feiert, zeigen sich Vertreter der Baumarkt-Branche und des Berliner Einzelhandels überrascht und enttäuscht zugleich. Die Hauptstadt galt als Versuchslabor für die gesamte Branche, die mehr als 17 Milliarden Euro Jahresumsatz macht und mehrere hunderttausend Menschen beschäftigt.
„Groß und Klein. Eigentlich müsste für alle Platz sein in dieser Stadt“, sagt Jan Pörksen, Experte für Unternehmensführung und Franchise-Konzepte bei der Berliner Industrie- und Handelskammer (IHK). Im Übrigen sollten die kleinen Einzelhändler lieber nicht so viel über die scheinbar übermächtige Konkurrenz der Großunternehmer jammern, sondern lieber gute Nischen suchen, die in der Nähe großer Ketten entstehen.
Ich habe fest an das Konzept geglaubt. In England oder Schweden klappt es ja auch
Erstaunt über das Scheitern des Max-Bahr-Konzeptes zeigt sich auch John W. Herbert, Geschäftsführer des Bundesverbands Deutscher Heimwerker-, Bau- und Gartenfachmärkte (BHB). „Ich habe fest daran geglaubt“, sagt er. „In Ländern wie England und Schweden klappt es ja auch.“
Zunächst schien es aber verständlich, dass Berlins Betreiber traditioneller, inhabergeführter Eisenwarenläden die Bahr-Idee zunächst als Bedrohung empfanden. Wenn man die beiden sehr unterschiedlichen Geschäftskonzepte vergleicht, mit denen man um die gleiche Kundschaft buhlte, hätte man erwarten können, dass Inhaber wie Wesolowski Einbußen hinnehmen müssen: Sie beschäftigt in ihrem Workshop neben sich selbst drei feste Mitarbeiter und einen Azubi, also fünf Leute. Mit 2,5 Vollzeitstellen kommen hingegen die kleinen Max-Filialen aus.
Sylvia Wesolowski
Adresse: Prenzlauer Allee 188,
10405 Berlin
Umsatz: rund 400 000 Euro
Mitarbeiter: 5
Telefon: 030 / 446 90 64
Web: www.workshop-prenzlauer.de
Für sie reduzierte Max Bahr das Sortiment von rund 60 000 auf 4500 Artikel. Es gibt dort alles: Pinsel, Farbe, Hammer und Nägel für die Renovierung – aber eben keine Kloschüsseln oder Zimmerpalmen. Sylvia Wesolowski bringt bei etwas weniger Verkaufsfläche fast dreimal so viele Artikel in ihrem Workshop unter. Sie findet auch Platz für blau schimmernde Glasteller oder Wandklebebilder mit dem Motiv „der kleine Maulwurf“. Das sucht wohl niemand, bei ihr findet man es trotzdem. „Etwa 50 Prozent der Artikel, die Max im Sortiment hatte, führen wir auch“, vermutet sie. Und man habe zum Teil die gleichen Lieferanten. Das heißt: Der kleine Max konnte als Teil einer Kette mit Max Bahr und der neuen Konzernmutter Praktiker im Rücken vermutlich viel besser Rabatte aushandeln.
„Ich habe um meine Existenz gebangt“, sagt Wesolowski. Zugleich räumt sie ein, dass die Angst weitgehend unberechtigt war: 2008 machte sie – ähnlich wie in den Jahren zuvor – rund 400 000 Euro Umsatz. „Die Stammkunden sind uns alle treu geblieben“, sagt sie. Und das obwohl, die Preise bei ihr im Zweifel etwas höher waren, „aber dafür war bei uns die Beratung sicher besser. Meine Leute und ich haben Erfahrung“, sagt Wesolowski.
Das nennt auch Axel Menge, der seit 27 Jahren in der Schönhauser Allee ein Geschäft für Eisenwaren und Werkzeuge betreibt, als Grund, dass auch ihn die Bahr-Offensive keine Umsätze gekostet hat – obwohl Max Bahr gleich zwei Max-Filialen in seiner Straße eröffnete.
Ironie der Geschichte ist, dass Wesolowskis Nachbar schließen muss, obwohl diese spezielle Filiale sogar ganz gut lief, wie Max Bahr sagt. Aber weil die Läden in Neukölln und Charlottenburg so schlecht gingen, macht die ganze Kette dicht.
Kevin P. Hoffmann
Aus der Ausgabe 2 / 2009
