Schöner shoppen
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Feinkost für alle: Die Karl-Marx-Straße bietet mehr als Currywurst und Döner. Foto: Mike Wolff |
Ein Duft von frischem Fisch liegt im Feinkostladen. Eine ältere Dame studiert die Vitrinen, in denen Dorade Royale samt Kopf und Schwanz ausliegen. Feinkost Kropp in der Neuköllner Karl-Marx-Straße ist ein gutbürgerlicher Laden, es gibt ihn seit 80 Jahren. Er lässt noch ahnen, wie es in der Gegend einmal ausgesehen hat. Nur hundert Schritte weiter zeigt die Straße ein ganz anderes Gesicht. Viele Läden stehen leer. Ein Billigshop bietet Werkzeug, Toilettendeckel und Büstenhalter für einen Euro an. Es riecht nach Frittierfett und Abgasen. Autoschlangen, Lkws und ein Tieflader drängeln sich auf vier Spuren.
Die Karl-Marx-Straße war mal eine Gegend, in der man am Samstag gern einkaufen ging, Feinkosthändler Kropp will, dass es wieder so wird. Darum engagiert er sich in der Arbeitsgemeinschaft Karl-Marx-Straße. Gemeinsam mit der Bezirksinitiative „Aktion! Karl-Marx-Straße“ wollen sie die Straße attraktiver machen. „Die Straße ist besser als ihr Ruf“, betont Kropp. Einzelne Abschnitte seien immer noch attraktiv, die meisten hätten im Lauf der Jahre stark abgebaut. Das Problem sei typisch für viele Berliner Shoppingmeilen. „Die Einkaufsstraßen sterben von außen“, sagt Kropp. „Und wachsen von innen.“
Um kaufkräftiges Publikum anzulocken, muss neben dem Verkaufsangebot auch das Ambiente stimmen. Etwa achtzig Interessensgemeinschaften arbeiten in Berlin daran, ihren Standort zu verbessern. Die Wilmersdorfer Fußgängerzone etwa wurde mit neuem Pflaster und jungen Bäumen aufgehübscht. „An der Stadtentwicklung sollten nicht nur Händler, sondern auch Gastronomen oder Künstler partizipieren“, meint Jochen Brückmann, Bereichsleiter Stadtentwicklung der Berliner IHK. Denn auch Cafés und eine lebendige Kulturszene ziehen Laufkundschaft an. Die Stadtteilinitiativen sollten Stärken und Schwächen ihres Standorts notieren und einen Businessplan schreiben. Das helfe beim Antrag auf öffentliche Förderung für Straßenbau oder Bepflanzung.
Auch der Senat fördert Stadtteilverschönerungen, er treibt sie sogar aktiv voran. Quartiere mit sozialen Problemen kann er gemäß Baugesetzbuch zu Sanierungsgebieten erklären. Dann gibt es öffentliche Fördermittel zur Verbesserung des Wohnumfeldes wie zum Beispiel für Schulen, Straßen oder Spielplätze. Auch die Gewerbeflächen werden aufgewertet.
und Sven Kropp
Adresse: Karl-Marx-Straße 82,
12043 Berlin
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: ca. 40
Telefon: 030 / 623 20 53
Web: www.kropp-feinkost.de
Ein Beispiel dafür ist die Gegend rund um den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg. In die alten, leerstehenden Brauereigebäude sind Firmen, Handwerker und Künstler gezogen. In der alten Königsbrauerei in der Saarbrücker Straße ist ein Gewerbehof entstanden. Tischlermeister Henrik Schwerdter fertigt hier Möbel nach Maß. Seine Kunden sind vor allem die vielen wohlhabenden Leute, die im Prenzlauer Berg leben, jetzt, wo die Häuser schick und die Läden attraktiv sind. Als Schwerdter seine Werkstatt ausbaute, sah der Bezirk noch anders aus: „Ich bin eingezogen, als hier noch etwas im Umbruch war.“
Das Beste damals waren sicherlich die vergleichsweise günstigen Mieten. Tischler Schwerdter profitiert davon, dass sein Gewerbehof einer Genossenschaft gehört. Dies schütze vor Mieterhöhungen. Denn auch das kann Folge einer erfolgreichen Sanierung sein: Die Mieten im Viertel steigen irgendwann so stark, dass die Künstler und Kreativunternehmer sich keine Läden mehr leisten können.
In der Karl-Marx-Straße ist es noch lange nicht soweit. Der Senat berät noch darüber, ob die Gegend zum Sanierungsgebiet erklärt wird. Schon jetzt aber gibt es Pläne, zum Beispiel für die alte Post. In der riesigen, leeren Halle sollen sich Kreative ansiedeln. Erst kürzlich fand hier eine Modemesse statt. Der Senatsbeauftragte Horst Evertz schildert seine Vision für das Quartier: „Früher hatte die Karl-Marx-Straße einen ähnlichen Ruf wie die Schloßstraße – da wollen wir wieder hin.“ Nicht nur Problembezirke, auch besser situierte Quartiere können sich für öffentliche Förderungen bewerben. So wird das Konzept der Stadtteilinitative City West durch das Programm „Aktive Stadtzentren“ gefördert, genau so wie die Müllerstraße im Wedding und auch die Karl-Marx-Straße.
Hier sollen Händler freie Flächen anmieten und beleben. Ein Investor baut das ehemalige Hertie-Gebäude um. Zudem plant die Initiative den Umbau des Platzes der Stadt Hof sowie breitere Gehwege, um Platz für Straßencafés zu schaffen. Die Passage, ein Kulturhaus, bekommt eine neue Beleuchtung. Bezirksstadtrat Thomas Blesing hofft, dass die Mieten moderat bleiben. Auch Feinkosthändler Kropp wünscht sich weiterhin eine soziale Mischung für sein Viertel. Er steht vor seinem Laden und schaut die Straße hinunter, auf die Dönerbuden: „Die Vielfalt gehört zum Charakter des Bezirks.“
Benedikt Neuroth
Aus der Ausgabe 5 / 2009
