Shoppen mit Anschluss
|
Frisches Konzept: Natascha und Norbert von Allwörden von »scoom« Foto: Kitty Kleist-Heinrich |
Norbert von Allwörden will hoch hinaus – und setzt auf den Berliner Untergrund: Sein Snackladen „Scoom“, der im März 2008 im U-Bahnhof Alexanderplatz eröffnet hat und „gesundes Food-to-go“ anbietet, bekommt bald Ableger in den U-Bahnstationen Friedrichstraße und Ernst-Reuter-Platz. „Am Alex läuft es sehr gut“, sagt der Hamburger Unternehmer. Die Sandwiches, Salate und anderen Snacks stammen aus fairem Handel und kommen ohne Zusatz- oder Konservierungsstoffe aus.
U- und S-Bahnhöfe können für Händler und Gastronomen eine interessante Alternative zu Einkaufsstraßen und Centern sein. An Laufkundschaft mangelt es nicht, und bei den Öffnungszeiten gibt es keine Grenzen – denn so genannter Reisebedarf darf auch sonn- und feiertags verkauft werden. Allein im Hauptbahnhof gibt es 74 Geschäfte, die täglich mindestens bis 22 Uhr öffnen. Manche sprechen von einem „Shoppingcenter mit Gleisanschluss“. Weitere Läden vermietet die Bahn in S-Bahnhöfen und S-Bahnbögen.
Bei der BVG vermarktet die Tochterfirma Urbanis 390 Geschäfte in und an 170 U-Bahnhöfen sowie Läden im Umfeld der Bus- und Tramhaltestellen. Filialisten machen bei Urbanis nur ein Drittel der Mieter aus, die Mehrzahl sind Einzelunternehmer und mittelständische Betriebe. Die Leerstandsquote beträgt laut Urbanis-Geschäftsführer Klas Beyer nur 2,5 bis 2,6 Prozent.
Die Fußgänger und Autofahrer fehlen als Kunden
Bereits vor sieben Jahren hatte Urbanis damit begonnen, Einkaufspassagen in U-Bahnhöfen auszubauen. Jüngstes Beispiel ist die Modernisierung des U-Bahnhofs Alexanderplatz, die im Oktober 2008 abgeschlossen wurde. Außerdem werden seit 2005 Zeitungs- und Imbisskioske, die direkt auf den Bahnsteigen stehen, heller gestaltet und mit dem gelben Corporate Design der BVG versehen.
Doch es gibt auch unzufriedene Mieter: Alexander Dehn hätte seinen Laden „Tintenflash“ im U-Bahnhof Adenauerplatz, der Druckerpatronen auffüllt, 2008 beinahe geschlossen. „Die Fußgänger und Autofahrer fehlen.“
Großaufträge erhalte die Firma nur in ihren zwei weiteren Filialen in belebten Straßen. Zudem sei die Miete im Bahnhof mit 46 Euro pro Quadratmeter rund doppelt so hoch wie an den anderen Standorten. Trotzdem betreibt Dehn den Bahnhofsladen weiter, solange dieser keine Verluste macht. „Viel Ärger“ habe es 2008 während des BVG-Streiks gegeben, als wochenlang die ganze Einkaufspassage gesperrt war. Und schon die Anmietung des Ladens sei „bürokratisch“ verlaufen. Er habe Führungszeugnis und Bankauskunft vorlegen müssen, außerdem enthalte der 30-seitige Vertrag „auf 29 Seiten Pflichten und nur auf einer Seite Rechte“. Für Dehn ist klar: „Ich würde nie wieder einen Vertrag mit der BVG abschließen.“
Die Firma sucht weitere Verkäufer
Geschäftsführer:
Norbert von Allwörden
Adresse: Nordkanalstraße 52,
20097 Hamburg
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: 8
Telefon: 040 / 180 45 10 62
Web: www.scoom.de
Eine der ältesten Ladenzeilen liegt im Zehlendorfer U-Bahnhof Onkel Toms Hütte. Dort vermietet Urbanis allerdings nur eine Handvoll Läden an den Zugängen. Die größere „Ladenstraße“ gehört der Immobilienfirma Ansorge. Zurzeit steht ein halbes Dutzend Läden leer. Manche Geschäftsideen waren wohl zu speziell – zum Beispiel ein Laden nur mit Gummibärchen. Marketingfachmann Dieter Aßhauer, der die Ladenstraße im Vermieterauftrag betreut, bleibt optimistisch: „Höherwertige Konzepte sind hier erfolgreich.“ Das zeige der Erfolg eines neuen Confiseriegeschäfts und der geplante Umzug der Buchhandlung Born in größere Räume. Die Läden leben vor allem von den Bewohnern umliegender Siedlungen. „Es ist sehr personenbezogen, man kennt sich“, sagt Aßhauer.
Die Bedeutung des Umfelds betont auch Mario Both, Betreiber eines preisgünstigen Schmuck- und Souvenirladens im S-Bahnhof Alexanderplatz. Derzeit betreibt er den Laden allein. Ex-Mitarbeiter seien unzuverlässig gewesen. Jetzt hat er ein neues Problem: Laut Vertrag muss das Geschäft täglich öffnen. An Urlaub ist also nicht zu denken, und auch eine Krankheit kann Folgen haben.
Abmahnung und eine Vertragsstrafe von bis zu drei Monatsmieten drohen. Ärgerlich findet er, dass die Ankündigung eines vielfältigen Mixes nicht erfüllt worden sei. „Es ist eine Fressmeile.“ Die Filialisten im S-Bahnhof stört das nicht. Bei McDonald’s oder Burger King brummt das Geschäft bis in die Nacht.
Cay Dobberke
Aus der Ausgabe 7/8 / 2009
