Ein Koffer für die Welt

Die Firma Diaglobal entwickelt mobile Diagnosegeräte für Entwicklungsländer. Noch kommen sie vor allem im Westen zum Einsatz
Wollen mehr exportieren: Rosita Trappiel und Sudhir Thakur von Diaglobal
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Damals lebte der nächste Arzt drei Dörfer weiter. Nur weil sein Patient als reicher Mann bekannt war, machte er sich auf den beschwerlichen Weg. Sudhir Thakur war ein kleiner Junge, als sein Großvater in dem abgelegenen Heimatdorf in Nordindien plötzlich krank wurde. „Ein Krankenhaus wäre nur nach langer Reise zu erreichen gewesen“, erzählt der heute 64-jährige Thakur.
Inzwischen ist er nach Deutschland ausgewandert, hat Chemie studiert, die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen und ist Unternehmer geworden. Und noch immer ist die medizinische Infrastruktur in vielen Ländern so schlecht, dass ein Krankenhaus im Notfall nicht schnell genug zu erreichen ist.

Je nach Einsatzbereich können wir den Koffer anders bestücken und anpassen

Ein Teil der Lösung für dieses Problem liegt vor Thakur auf dem Tisch: Ein unscheinbarer, kaum vier Kilogramm schwerer Kunststoffkoffer. „Portables Diagnosesystem“ nennt Thakur ihn. Gemeinsam mit seiner Geschäftspartnerin Rosita Trappiel entwickelt und vertreibt er diese Koffer. Ihre Technik nutzt den Photoeffekt, um bio­chemische Prozesse sichtbar zu machen. So können etwa Auffälligkeiten im menschlichen Blut nachgewiesen werden. Mit solchen mobilen Laboren und anderen Gerätschaften ausgestattete Ärzte könnten sozusagen das Krankenhaus in die Dörfer bringen. Der Name des Unternehmens: Diaglobal – „Diagnostik für die Welt“, übersetzt Thakur.

Bislang aber macht Diaglobal den Großteil des Geschäfts in Deutschland. „Zwar können wir gegen die Großlabore nicht antreten, dort kosten die Analysen nur Centbeträge“, erklärt Trappiel. „Aber manchmal können Ärzte eben nicht lange auf das Ergebnis warten.“ Anders als die Großlabore kann das Vor-Ort-Labor das Blut so untersuchen, wie es aus dem Finger entnommen wird, ohne dass es vorher aufwändig behandelt werden muss.

Firmeninfo
| Dialgobal GmbH |
Geschäftsführende Gesellschafter:
Rosita Trappiel, Sudhir Kumar Thakur
Adresse: Köpenicker Straße 325,
12555 Berlin
Mitarbeiter: 12
Telefon: 030 / 65 76 25 97
Web: www.diaglobal.de

„Je nach Einsatzbereich können wir den Koffer anders bestücken und genau an die jeweiligen Anforderungen anpassen“, sagt Trappiel. Spitzensportler etwa können ihr Training besser dosieren, wenn sie kurzfristig ihre Laktat- oder Harnstoffwerte ermitteln. Auch das Blut von Rennpferden wird mithilfe der Koffer untersucht. Das olympische Komitee Russlands hat gerade sechs Stück gekauft, um den Hämoglobinwert seiner Sportler zu überwachen – erhöhte Werte können ein Hinweis auf Doping sein. Ein neues und viel versprechendes Geschäftsfeld haben die beiden Chemiker durch Zufall aufgetan: In einer Unterhaltung erfuhren sie nebenbei, dass ihr Koffer sich, leicht abgewandelt, auch zur Qualitätskontrolle und Prozess-Steuerung bei der Herstellung von Bio-Diesel eignet.
Mit solchen Einsätzen machen Trappiel und Thakur bislang einen Umsatz von 800 000 Euro. Doch die eigentliche Bestimmung ihres Produkts sehen sie woanders. „Der Koffer ist eigentlich für den ausländischen Markt gedacht“. Ihn in Gegenden zu bringen, in denen die Entfernungen groß sind und die medizinische Versorgung mangelhaft ist, das ist es, was Thakur „mein Traum, meine Vision“ nennt. Nur fanden sie ihre Abnehmer bislang hauptsächlich in der ersten Welt.

Ausgerechnet die Krise könnte das jetzt ändern. „Durch die Finanzkrise und die Einsparungen im deutschen Gesundheitswesen hatten wir einen Umsatzeinbruch von 15 Prozent“, sagt Trappiel. Die Budgets von Ärzten und Krankenhäusern schrumpfen. Bei den Sportlern, Trappiel nennt sie „unsere Laktat-Kunden“, ist das Geschäft sogar um die Hälfte eingebrochen. Das Problem: Die Arbeit mit dem Diaglobal-Koffer ist teuer, etwa ein Euro wird für eine Analyse fällig. Der Koffer selbst kostet je nach Ausstattung um die 2000 Euro.

Thakur hofft, dass sie irgendwann Regierungen als Kunden gewinnen können. „Im letzten Jahr wollte die indische Regierung mobile Ärzte mit unseren Koffern in die Dörfer schicken, um die Menschen zu versorgen“, erzählt der Unternehmer. Doch das Projekt wurde kurzfristig abgeblasen.

Thakur lässt sich von so etwas nicht entmutigen. Bald werde es bestimmt klappen, sagt er und lacht freundlich.
Trappiels Hoffnung liegt weiter nördlich, in Russland. „So ein großes Land und so viele Möglichkeiten“, schwärmt sie, „in diesem Jahr machen wir dort erstmals Umsatz.“ Bei ihren ersten Reisen nach Russland war sie erstaunt: „Für die Russen sind wir ein Hightech-Unternehmen“. In Deutschland hingegen gibt es die ihren Koffern zugrunde liegende Technik schon seit über 30 Jahren. Auch andere Firmen bieten mobile Labore an. „Aber bei uns ist der Koffer eben nicht Neben-, sondern Kernprodukt“, sagt Trappiel. „Wir können uns ganz darauf konzen­trieren, ihn für jede Anwendung passend zu machen.“

Malte Conradi


Aus der Ausgabe 11 / 2009

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