Immer einen Schritt voraus
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Der Macher und sein Werk: Hans Georg Näder posiert mit einer Armprothese. Foto: promo |
Die junge Frau fährt strahlend Inlineskates und Schlittschuh – dabei ist ihr rechtes Bein seit einem Motorradunfall eine Prothese. Computerchipgesteuert. Der Mann hinterm Steuer besitzt gar keine Arme mehr, eigentlich, seit einem Starkstrom–unfall. Trotzdem kann er jetzt wieder mit Messer und Gabel essen und seinem Gegenüber mit seinem Glas Sekt zuprosten. Dank der lebensecht wirkenden Armprothesen an seinem Oberkörper, die sein Gehirn nur per Kraft der Gedanken steuert. So etwas gab es bis vor kurzem noch nicht auf der Welt.
„Wir geben mit unserer Medizintechnik ein Stück Lebensqualität zurück“, sagt Hans Georg Näder. Professor Hans Georg Näder, von Insidern „HaGeEn“ genannt. Sein Unternehmen, das er mit 28 Jahren von seinem Vater übertragen bekam, heißt Otto Bock, so wie sein Großvater. der Gründer. Der Weltkonzern mit rund 4300 Mitarbeitern in 40 Ländern, Weltmarktführer in der technischen Orthopädie, mit 5,76 Millionen Euro Umsatz, Tendenz steigend.
Wir geben mit unserer Medizintechnik ein Stück Lebensqualität zurück
Näder ist 48 Jahre alt, und er hat schon Besuch von der Bundeskanzlerin an seinem Firmensitz in Duderstadt im Harz bekommen. Vor ein paar Wochen lud ihn die thailändische Prinzessin in ihr Haus ein, zeigte ihm ihre Familienschätze. Zu Hause in Berlin besitzt Näder eine Suite und guckt aus der Lounge auf sein neues Otto Bock Science Center Medizintechnik, von dem viele Berliner inzwischen sagen, dieses „Weiße Haus“ sei das außergewöhnlichste und schönste Gebäude am Platz.
Hans Georg Näder ist jetzt Manager des Jahres, gewählt von denen, die in der Gesundheitsbranche das Sagen haben, und darauf ist Näder besonders stolz. Der Unternehmer ist unter anderem Mitglied des Aufsichtsrats der Leipziger Messe und der Dresdner Bank, Entrepreneur des Jahres 2003, Träger des Niedersächsischen Staatspreises, des Baum-Umweltpreises, Gastprofessor an der Capital Medical University in Peking und stellvertretender Vorsitzender des Stiftungsrates der Katarina Witt Stiftung.
Unternehmen kommt von unternehmen, und das kann Näder. Er denkt in Jahrhunderten, nicht in Amtsperioden. In seiner Heimat, dem Eichsfeld, ist er als Hauptarbeitergeber der Region Platzhirsch. Als Näder mit der 1919 von seinem Großvater Otto Bock in Berlin-Kreuzberg gegründeten Prothesenfirma für Kriegsversehrte mit einer Repräsentanz in die Hauptstadt zurückkehrte, hängte er ein paar Aufsehen erregende Otto-Bock-Plakate mit schicken Prothesenmodels in den Hauptbahnhof: Wir sind wieder da.
Otto Bock ist seit vielen Olympiaden Förderer der Paralympics, der Olympischen Spiele der Menschen mit Behinderungen. Ob in Sydney, in Turin, in Peking: Immer haben seine Schrauber und Techniker im Olympischen Dorf und an den Wettkampfstätten die computergesteuerten Alltagsprothesenbeine der Läufer gewartet, ihre Carbonrennbeine getunt, den Sportlern aus Entwicklungsländern ihr Holzbein gegen ein modernes ausgetauscht. Es gibt Otto-Bock-Servicekräfte, die den 24-Stunden-Job während der Spiele ehrenamtlich machen. Die schuften in Sanitätshäusern überall auf der Welt, haben Familie. Und nehmen trotzdem extra Urlaub, um bei „den Böcken“ dabei zu sein.
Unternehmenskultur ist für Näder wichtig. Wenn eine Zeitung eine Beilage zu den Paralympics produziert, dann bestellt der Chef einen Fahrer, der die Stapel einlädt und vor dem Werkstor jedem Mitarbeiter eine Ausgabe in die Hand drückt. Sein Konzern besteht aus drei Säulen: der Medizintechnik, einem Autoteilezulieferer, einer IT-Firma. Massenentlassungen während der Wirtschaftskrise vermied Näder, indem er die Autoleute kurzerhand zu Orthesen- und Rollstuhl-Kollegen umschulte.
Das Unternehmen sucht derzeit Orthopädie-Techniker
Geschäftsführender Gesellschafter:
Hans Georg Näder
Adresse: Max-Näder-Straße 15,
37115 Duderstadt
Umsatz: 40
Mitarbeiter: 4300
Telefon: 05527 / 848 30 36
Web: www.ottobock.de
Hans Georg Näder ist einer, der nach Tiefschlägen wieder nach oben saust. Für die Paralympics in Vancouver im März 2010 hat er erstmals seit Jahren nicht den Zuschlag bekommen für die Otto-Bock-Paralympics-Werkstatt. Die Kanadier wollten ihre lokalen Sanitätshäuser stärken und haben einem Konsortium vieler Firmen die Wartungsarbeiten von Prothesen, von Orthesen, von Rollstühlen übertragen. Stattdessen baut er dafür jetzt mit dem IPC, dem Internationalen Paralympischen Komitee, den „Snowdome“ in Whistler, einen großen Erlebnis- und Event-Iglu zum Behindertenleistungssport und über das Wunderwerk menschlicher Körper. Bundespräsident Horst Köhler hat ihn in den vergangenen Jahren immer dort besucht.
Außerdem steht die Präsenz bei der Expo in Shanghai noch an. Und die Prothesen- und Rollstuhl-Spendenaktion der Otto-Bock-Stiftung für die tausenden amputierten Kinder nach dem Erdbeben in Haiti. Wenn Näder da könnte, wie er wollte, würde er ihnen allen Inlineskates schenken.
Annette Kögel
Aus der Ausgabe 3 / 2010

