Edelzwirn hat Konjunktur
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Das Maßband immer griffbereit: Volkmar Arnulf ist seit 60 Jahren Maßschneider. Foto: Mike Wolff |
Er muss uns dienen. Er darf sich nicht aufdrängen. Er muss im Hintergrund bleiben und dennoch stets zur Stelle sein, wenn wir ihn brauchen. Er muss uns in jeder Lebensphase unterstützen. Er muss verlässlich sein, treu und professionell. Er muss uns lieben. Und genau dafür lieben wir ihn.
Hört man Volkmar Arnulf zu, hat man den Eindruck, er spreche über einen guten Freund, über einen treuen Gefährten. Es klingt nach der Beschreibung eines Menschen. Doch Arnulf spricht über ein Stück Stoff: über einen Anzug.
Volkmar Arnulf ist seit 60 Jahren Maßschneider. In seinem Atelier am Kurfürstendamm gehen die „Entscheider“ ein und aus, wie Arnulf leise sagt, er mag dieses Wort eigentlich nicht so gerne. Seit 40 Jahren ist auch Helmut Kohl Kunde. Inzwischen ist eine Freundschaft zwischen den beiden entstanden, ein absolutes Vertrauensverhältnis. „Dazu gehört auch, dass ich nicht seine Bundweite verrate, obwohl ich immer wieder danach gefragt werde“, sagt Arnulf.
Innerhalb der Modebranche entwickeln sich die Maßschneider überdurchschnittlich gut
Er sitzt in seinem Atelier im ersten Stock. Edle Stoffe aus aller Welt liegen in antiken Regalen, eine große Spiegelwand dient der Anprobe. Arnulf ist abgeschirmt vom Lärm der Straße, es ist eine Welt für sich, beinahe aus einer anderen Zeit. Und vor allem: Es ist eine Welt, in der Krisen keinen Zutritt haben. Seit Jahren verzeichnet Arnulf konstante Umsätze. Die kaufkräftige Klientel („Ein brauchbarer Anzug ist nicht unter 2500 Euro zu haben, die hohe Schule beginnt bei 3500 Euro“) sei nicht der ausschlaggebende Grund, sagt Arnulf. Vielmehr liege es daran, dass seine Kunden ohnehin nur dann etwas kaufen, wenn sie auch etwas brauchen. „Der Maßanzug hat nichts mit Mode, sondern mit Stil zu tun.“
Während die Textilindustrie zum Teil mit großen Verlusten zu kämpfen hat, scheinen die Maßschneider eine Nische gefunden zu haben, die allen wirtschaftlichen Schwankungen trotzt. „Dieser Bereich entwickelt sich überdurchschnittlich gut“, sagt auch Thomas Rasch, Hauptgeschäftsführer des deutschen Modeverbandes German Fashion. „Zwar ist auch die Klientel der maßgeschneiderten Anzüge und Kleider von der Krise betroffen, wir finden hier jedoch in erster Linie Bedarfskäufer. Oft sind es Stammkunden, die sich in regelmäßigen Abständen neue Garderobe leisten. Es herrscht eine verlässliche Konstanz.“
Arnulf Maßatelier
Adresse: Kurfürstendamm 46,
10707 Berlin
Telefon: 030 / 883 92 02
Cut For You fashion GmbH
Adresse: Reinhardtstraße 38,
10117 Berlin
Telefon: 030 / 28 09 99 81
Web: www.cutforyou.com
Rodan Ledermoden
Adresse: Kurfürstendamm 73,
10709 Berlin
Telefon: 030 / 885 15 09
Web: www.rodan.de
Genau das kann auch Daniel Rodan bestätigen. Er betreibt am Kurfürstendamm ein Atelier, spezialisiert auf Leder. Neben den Maßanfertigungen, die etwa die Hälfte des Sortiments ausmachen, bringt er zwei feste Kollektionen pro Jahr heraus. Seit der Krise schwächeln die Stücke von der Stange; der Umsatz ist um fast die Hälfte zurückgegangen. Bei den Maßanfertigungen dagegen ist der Umsatz um 30 Prozent gestiegen. „Die Kunden wollen mehr Wertigkeit und eine größere Langlebigkeit. Darum lassen sie sich die Stücke individuell anfertigen“, sagt Rodan.
Auch wenn man mit Christian Kreisler spricht, ist von der Krise nichts zu spüren. Im Gegenteil: Der Geschäftsleiter der Cut For You Fashion GmbH vermeldet für 2009 eine Umsatzsteigerung von etwa zehn Prozent. „Der Trend geht eindeutig dahin, dass der Stil individueller wird. Außerdem hat keiner die perfekte Figur, die Massenware sitzt oft nicht.“ Cut For You will Maßschneiderei erschwinglich machen. Die Anzüge kosten ab 550 Euro, das „Vier-Jahreszeiten-Abo“, bestehend aus vier Anzügen, vier Hemden und vier Krawatten, ist für 2800 Euro zu haben. Das Unternehmen lässt in einem Werk in Saarbrücken produzieren und arbeitet zudem mit einem Bodyscanner. Dieser vermisst den Kunden in nur 15 Sekunden.
Für Volkmar Arnulf sind solche Bodyscanner undenkbar. Das Maßband liegt bei ihm immer griffbereit. „Ich will keinem zu nahe treten, aber die Arbeit mit einem Bodyscanner hat mit einem Maßanzug nicht viel zu tun.“ Der 73-Jährige ist in der Regel sechs Tage in der Woche in seinem Atelier, meistens sind es sieben. Weniger zu arbeiten sei undenkbar. Es gebe schließlich noch viel zu tun.
Anne Hansen
Aus der Ausgabe 4 / 2010
