Konzept statt Kapital
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Darjeeling, soweit das Auge reicht: Eine Teepflückerin bei der Ernte in Indien Foto: Moritz Honert |
Günter Faltin steht im Büro des WWF in Darjeeling und fühlt sich missverstanden. „Die Tee-Kampagne nur wie einen Dritte-Welt-Laden zu sehen, geht am Kern vorbei“ sagt der Gründer der weltgrößten Importfirma für Darjeeling-Tee. Es stört ihn sichtlich, dass dieser Eindruck gelegentlich entsteht – auch wenn er daran mitunter nicht ganz unschuldig ist.
Gerade hat Faltin einer Präsentation der indischen Umweltschützer vom World Wildlife Fund zugehört. Nicht ohne Stolz, denn es gibt gute Nachrichten. 2,5 Millionen Setzlinge wurden seit 1993 gepflanzt. So lange schon ermöglicht Faltin die Wiederaufforstung des nordindischen Distrikts, in dem der aromatischste und teuerste Tee der Welt wachsen soll. 50 000 Euro investiert er jährlich. „Mir macht das Spaß“, sagt der 65-Jährige. Darüber hinaus nutzt eine gesunde Natur der Qualität seines Tees.
Das alles sei aber nur ein Nebeneffekt seiner unternehmerischen Tätigkeit, nicht der Zweck, sagt Faltin. „Sich mit meinem Tee mal schnell ein gutes Gewissen zu kaufen, ist nicht Sinn der Sache“. Und überhaupt gehe es ihm gar nicht in erster Linie um Tee, sondern um eine neue Form des Wirtschaftens. Harte Worte von einem Mann, der in diesen Tagen sein 25. Jahr im Teegeschäft begeht. Allerdings stimmt es schon. Das mit dem Darjeeling war Zufall. Theoretisch könnte Faltin heute auch 25 Jahre Palmölimport feiern oder 25 Jahre Parmaschinkeneinfuhr. Dass er ausgerechnet im Tee-Geschäft gelandet ist, war das Ergebnis eines Experimentes.
Günter Faltin ist an der FU Berlin Professor für Entrepreneurship. Was schwer auszusprechen ist, ist leicht zu erklären. Entrepreneurship ist eine Form der Unternehmensgründung, bei der ein Markt systematisch analysiert wird, bis sich eine Idee herauskristallisiert, mit der man ein Produkt in besserer Qualität oder preiswerter anbieten kann. Große Kapitalmengen oder spezielles unternehmerisches Wissen seien nicht nötig, sagt Faltin. Wichtig hingegen sei ein gut durchdachtes Konzept. Für das Alltagsgeschäft kann man dann Profis engagieren. Damit, sagt er, kann im Grunde jeder zum Unternehmer werden.
1985 wollte er seinen Studenten zeigen, dass diese Theorie auch in der Praxis funktioniert. Sein Ansatz war folgender: Auf Reisen war ihm aufgefallen, dass viele Produkte wie Kaffee oder Zucker im Ursprungsland wesentlich billiger sind als in Deutschland. Faltin fragte sich, warum, nahm den Tee als Beispiel und fand heraus, dass es die vielen Zwischenhändler sind, die die Preise treiben.
Adresse: Pasteurstraße 6–7,
14482 Potsdam
Umsatz: rund 9 Millionen Euro
Mitarbeiter: 18
Telefon: 0331 / 74 74 74
Web: www.teekampagne.de
Wenn man diese umgeht, müssten sich die Kosten gewaltig drücken lassen, sagte er sich. Die Lösung: große Mengen kaufen und in Großpackungen direkt an den Kunden vertreiben. Seine Studenten waren skeptisch. „Gibt’s dafür auch einen Seminar-Schein?“, wollten sie erstmal wissen, erinnert Faltin sich in seinem Buch „Kopf statt Kapital“. In dem Buch umreißt Faltin seine Vorstellung vom neuen Wirtschaften.
Er wagte es trotzdem – und hatte Erfolg. Die ersten zwei Tonnen Tee verkaufte er innerhalb von zwei Wochen an der Universität. Heute, 25 Jahre später, beschäftigt er anderthalb Dutzend Mitarbeiter, macht rund neun Millionen Euro Umsatz jährlich und importiert im gleichen Zeitraum rund 400 Tonnen Darjeeling-Tee. Weltrekord.
Um seine Idee vom Unternehmertum für jedermann weiterzutragen, gründete er 2001 die Stiftung Entrepreneurship. Mit dieser Institution unterstützt er Gründer, die die Tee-Kampagne als Vorbild nehmen und das Modell auf andere Bereiche übertragen. Erfolgreiche Beispiele sind die Firma Artefakt, die Olivenöl anbietet, oder die Ratiodrink AG, die Apfelsaftkonzentrat verkauft. Das lässt sich zu Hause mit Leitungswasser selbst mischen, ist billiger als gekaufter Apfelsaft, und das Kistenschleppen fällt auch flach.
Wachsen will Faltin mit seinem Unternehmen nicht mehr. „Wir müssen uns von der Idee des ewigen Expandierens verabschieden“, sagt er. Diese menschliche Hybris führe ins Unglück. Also geht er mit gutem Beispiel voran. Wenn er Vollzeit an der Uni arbeite und nur wenig für das Unternehmen tun könne, zahle er sich auch kein Gehalt aus, sagt er.
Dabei drängt sich ihm die Expansion quasi auf. „Natürlich kommt regelmäßig jemand an und sagt, wir sollten neben Darjeeling auch Assam-Tee importieren“, erzählt er. Funktionieren würde es, das sei keine Frage. Er habe aber keine Lust. Ihm gehe es um Entrepreneurship, nicht um Tee. Wenn also wieder einmal der Vorschlag auf den Tisch kommt, hat er stets die gleiche Antwort parat: „Machen Sie es doch selbst.“
Moritz Honert
Aus der Ausgabe 5 / 2010
