Einfach individueller

Sind Terminkalender noch zeitgemäß oder werden sie von digitalen Alternativen verdrängt? Der Berliner Org Verlag stellt seit über 60 Jahren Ringbuchsysteme her. Ein Firmenbesuch zum Jahreswechsel
Stilvoll: Handgefertigte Terminkalender in schönem Leder Foto: promo

Rhythmisch rattert die Stanzmaschine in der Druckerei des Org Verlags. Die Kalenderblätter für 2012 werden in akkuraten Stapeln durch die alte Maschine befördert, um die Ecken zu perforieren. Das Firmengebäude in der Reinickendorfer Nordlichtstraße vereint alle Produktionsschritte unter einem Dach. Hier wird gedruckt, gestanzt, gelocht, sortiert und alles für den Versand vorbereitet und verschickt. Sechs Mitarbeiter hat der Produktionsbetrieb, der auf eine über 60-jährige Firmengeschichte zurückblicken kann.

Alles begann 1948, als Bruno Mademann die Idee eines individuellen Terminkalenders realisieren wollte. Die Idee hatten bereits seine Ausbilder vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges. Da diese aber nicht aus dem Krieg zurückkehrten, nahm er sein Schicksal selbst in die Hand und eröffnete ein kleines Geschäft in der Friedrichstraße. Sein kleiner Kundenstamm wuchs Jahr um Jahr. Die ersten Ringbücher fertigte Mademann in der Nachkriegszeit aus Kaninchenleder. Die Kalendereinlagen waren von Beginn an so gestaltet, dass jeder Benutzer sie individuell zusammenstellen konnte. 1958 kaufte Bruno Mademann dann die erste eigene Druckmaschine, denn das Geschäft mit den Terminplanern lief gut.

Firmeninfo
| Org Verlag Mademann |
Geschäftsführer: Wolfgang Kossatz
Nordlichtstraße 75
13405 Berlin
Umsatz: keine Angaben
Mitarbeiter: 6
Telefon: 030 | 41 73 07 20
Web: www.org-rat.de

1976 zog sich der Senior zurück und überließ seinem Sohn Hans Henning Mademann das Unternehmen, das besonders in den 80er und 90er Jahren rasant wuchs. Eine weitere Druckmaschine wurde angeschafft, dazu eine Sortier- und eine Stanz-Loch-Maschine. Mit dem Ausbau des Betriebs zog der Org Verlag 1993 an den jetzigen Firmensitz in der Reinickendorfer Nordlichtstraße. 

Im Februar 2011 verstarb Firmeninhaber Hans Henning Mademann im Alter von 62 Jahren. Das war ein Schock für die langjährigen Mitarbeiter wie Andrea Danowski, die seit 21 Jahren dem Betrieb angehört. Die Erben, eine Tochter ist Polizistin, die andere Lehrerin, fühlten sich außerstande, das Unternehmen weiterzuführen. Der familiengeführte Betrieb stand kurz vor dem Aus. Wäre da nicht Rechtsanwalt Wolfgang Kossatz gewesen, der durch seinen Kanzleikollegen, der wiederum als Notar mit der Erbschaftsangelegenheit betraut war, davon erfuhr.

Er reagierte spontan: „Das wäre doch schade, so ein Unternehmen einfach dicht zu machen“, sagt Kossatz. Er übernahm für 2011 die Geschäftsführung, um zunächst das laufende Geschäft zu sichern. Ab dem kommenden Jahr wird sein Sohn Karsten Kossatz an seine Stelle treten. Der 19-Jährige studiert Kommunikationsdesign und will Studium und Geschäftsführung miteinander verbinden, weil sich beides gut gegenseitig ergänze.

Es ist toll, etwas durchzustreichen oder einen Zettel herauszureißen

„Ich will den Verlag übernehmen, weil er Zukunft hat.“ Das ist schier unglaublich, schließlich gehört Karsten Kassatz einer Generation an, die fast ausschließlich mit digitalen Medien aufgewachsen ist. Den guten alten analogen Terminkalender bezeichnet er als „zeitgemäß“. Sicher sei in den vergangenen Jahren die  Nachfrage zurückgegangen, räumt er ein, aber die Stammkundschaft sei groß, und es kämen immer wieder neue Kunden dazu: „Viele steigen zwar auf moderne Alternativen um“, sagt Kossatz, „andererseits kommen viele auch wieder zurück, weil sie mit iPad und Handy nicht zurechtkommen.“ Er sieht in einem Handkalender viele Vorteile, man könne ihn an den Strand mitnehmen, er werde nicht gestohlen, weil ein Dieb nichts davon habe, man könne ihn nicht hacken – und er sei einfach individueller: „Ich finde es toll, etwas durchzustreichen, einen Zettel herauszureißen oder etwas dazuzuheften, das ist etwas anderes, als herumzuscrollen.“ Er sieht seine Aufgabe darin, Innovationen im Bereich des Designs zu entwickeln und gleichzeitig das Bewährte zu erhalten: „Denn ein Terminkalender ist ein stilvolles Accessoire – ein Smartphone nicht.“

Heike Gläser
heike.glaeser@tagesspiegel.de


Aus der Ausgabe 12 / 1 / 2012

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