Keine reine Drucksache
Druckereien müssen Dienstleister werden, wenn sie sich gegen die Konkurrenz aus
den Billiglohnländern behaupten wollen
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Wolfgang Schulz-Heidorf, Druckerei Schlesener: Drei Medien im Angebot Foto: Thilo Rückeis |
Beratungsgespräche wie diese machen den Unterschied zwischen erfolgreichen und weniger erfolgreichen Druckereien. „Die Aufgabe einer Druckerei ist heute nicht mehr der Druck, sondern die Dienstleistung“, sagt Schulz- Heidorf. Früher hätten die Betriebe um die Frage konkurriert: Wer druckt am schnellsten? Heute sei sie beantwortet: „Das können die Chinesen billiger.“
„Seit der Wiedervereinigung hat sich der Markt dramatisch verändert“, sagt auch Bodo Krusenbaum, Berliner Landesvorsitzender des Fachverbands Führungskräfte der Druckindustrie und Informationsverarbeitung (FDI). Er schätzt, dass ein Fünftel der Unternehmen zwischen 1990 und 2004 vom Markt verschwunden ist. Druck entstand vor allem durch den technischen Wandel: Aufgaben in der Vorstufe, für die man früher Fachkräfte brauchte, erledigt heute der Computer. Copyshops machen den Druckereien Konkurrenz, genauso wie das Medium Internet. Viele Westberliner Betriebe waren dem Wettbewerb nicht gewachsen. Sie hatten es sich auf ihrer Insel ganz gemütlich eingerichtet. Hinter vorgehaltener Hand sagen viele, vor der Wende habe man mit den Investitionszulagen mehr verdient als mit dem Drucken. Wer heute noch Geld machen will in der Branche, braucht mehr als Maschinen.
Wolfgang Schulz-Heidorf hat extra zwei Leute eingestellt, die Webseiten programmieren und CD-Roms herstellen. „Die meisten Unternehmen nutzen alle drei Medien, um für sich zu werben“, sagt der Schlesener-Chef. Damit die Kunden nicht zu Webshops abwandern, die Daten verarbeiten und nebenbei auch noch drucken, bietet er lieber selbst Rundum-Service an. Spezielle Wünsche vermittelt er an ein Netz von Partnerfirmen. Ohne Netzwerk geht in der Branche ohnehin nichts mehr. Manche Unternehmen schließen sich sogar offiziell zusammen, wie die Besscom AG, eine Kooperation aus zehn eigenständigen Firmen, die gemeinsam Aufträge aquirieren. „Die Unternehmen haben zuwenig Zeit und zuwenig Personal. Darum wollen sie möglichst viele Dienstleistungen aus einer Hand“, erklärt Sprecherin Katja Hintze.
Auch das Druckhaus Mitte, mit 120 Mitarbeitern einer der größten Betriebe der Stadt, hat sich ein solches Netzwerk aufgebaut. Geschäftsführer Herbert Preißler sagt, das Problem vieler Druckereien sei, dass sie zuwenig Werbung für sich selbst machten. Als er die Firma vor zehn Jahren übernahm, habe er zuerst neue Vertriebsmitarbeiter eingestellt und Weiterbildungen angeordnet. Zudem besuchten sie regelmäßig Messen wie die Berliner Postprint, die im September stattfindet. So hätten sie es auch geschafft, im Ausland Märkte zu erschließen, zuletzt in England.
Dass man auch als kleines Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben kann, zeigt das Beispiel von Elch Graphics. Ingo Goessken hat die Firma 1992 gegründet. Einer ihrer Vorteile sei die Lage, sagt der Geschäftsführer. Die Druckerei ist Keine reine Drucksache schon zweimal umgezogen, aber nur zwischen Mitte und Prenzlauer Berg, dort, wo die meisten Werbeagenturen ihren Sitz haben. „Die bewegen sich nicht gern ans Ende der Stadt“, erklärt Goessken. Auch sonst hätte man sich an die Bedürfnisse der Kunden angepasst, zum Beispiel, indem sie die Öffnungszeiten auf 22 Uhr ausgeweitet haben: „In den Agenturen wird auch so lange gearbeitet.“ Noch eine Extra-Leistung von Elch Graphics: Sie prüfen die Unterlagen vor dem Druck und weisen den Kunden auf eventuelle Rechtschreibfehler hin. „Wir sind nicht dazu verpflichtet, aber wir fühlen uns rundum veranwortlich“, sagt Goessken.
So behaupten sich die Berliner Druckereien im internationalen Wettbewerb und erhalten Arbeitsplätze in der Stadt. Viele Betriebe aber ärgern sich darüber, dass es so schwierig ist, am eigenen Standort an öffentliche Aufträge zu kommen. Herbert Preißler zum Beispiel bewirbt sich gar nicht mehr bei der Stadt Berlin: „Das ist nur verschwendete Zeit.“ Auch FDIMann Krusenbaum kennt solche Fälle. Dass die Berliner Industrie- und Handelskammer ihr Mitgliedsmagazin in Süddeutschland drucken lasse, sei „einfach eine Schande“. Miriam Schröder
Aus der Ausgabe 6 / 2008

