Hightech vom Dorf

Das Unternehmen KID Broadcast aus dem Landkreis Havelland hat schon den Bundesrat und das Olympiastadion verkabelt
Firma "KID Broadcast" in Großwudike, Brandenburg, Geschäftsführer Ingolf Beder, Dirk Frohne Foto: Max Stuttmann
Hier lötet der Chef noch selber. Der Medientechniker Dirk Frohne mag sich erst gar nicht von der Platine trennen, dann legt er den Lötkolben doch beiseite und führt mit seinem Partner, dem Medienpädagogen Ingolf Beder, durch die gemeinsame Firma, die Werkstatt des preisgekrönten Herstellers für Studiotechnik: KID Broadcast. Der Name klingt nach hippen Berlin-Mitte, doch die Abkürzung KID stand ursprünglich (wenn auch im Scherz) für „Kaufen Im Dorf“.

KID produziert und vertreibt seine Spezialgeräte wie Adapter, Steckleisten und Spannungswandler für den Musikmarkt von einer umgebauten Halle aus, in der zu DDR-Zeiten Saatgut und Maschinen für die benachbarten Produktionsgenossenschaften ausgegeben wurden. Die Kunden – etwa Rundfunkanstalten und Tonstudios – sitzen dagegen fast alle in den großen Metropolen. Die Liste der Referenzen ist prominent besetzt: KID fertigte beziehungsweise installierte Technik für den RBB, Sat1, RTL, bei einem belgischen Radiosender, dem Disneyland Paris und einer Rundfunkanstalt in Südafrika. Das Team von Frohne und Beder verkabelte den Deutschen Bundesrat und das Schloss Bellevue des Bundespräsidenten sowie das Berliner Olympiastadion.
Außerdem konstruierten KID für die Rockband Rammstein ein Havarie-System, das bei den traditionell technisch sehr anspruchsvollen Konzerten zum Einsatz kommt: Wenn ein Computer ausfällt, springt ein zweiter ein, ohne dass die Zuschauer davon etwas mitbekommen.

Rockstars und Ton-Hightech für Berlin, Belgien, Südafrika. Firmensitz ist und bleibt aber Großwudicke, ein Nest mit weniger als 900 Seelen im Kreis Havelland, gut zwei Stunden Fahrt über die Landstraße von Berlin aus. „Hier ist einfach alles günstiger, in Berlin könnten wir uns so eine große Halle nicht leisten“, sagt Beder. Die niedrigen Kosten sind sicher ein Standortvorteil, aber wo bekommt man auf dem Land technisch versierte Mitarbeiter her? KID profitiert von der Nähe zur benachbarten Kreisstadt Rathenow. Die hat eine lange feinmechanische Tradition. Einige der zehn festen und drei freien Mitarbeiter waren zu DDR-Zeiten beim VEB Rathenower Optische Werke (ROW) beschäftigt. „Das sind auch heute noch spitzenmäßig ausgebildete Leute“, sagt Frohne. Außerdem bildet KID Nachwuchs aus, junge Leute aus der Region.

Einer der wenigen echten Nachteile des Standortes sei lange Zeit nur, die schlechte Internet-Anbindung gewesen. Aber irgendwann machte der Landkreis Druck bei der Telekom. Jetzt liegt unter dem Kopfsteinpflaster von Großwudicke auch eine DSL-Leitung.
Die Liebe zum Standort und zur Technik brachten Beder und Frohne im Juni auch den Preis „Gründer Champions 2008“ der Deutschen Gründer- und Unternehmertage (deGUT) ein.
Dorthin war es aber ein weiter Weg: In den 90ern lernten sich die beiden kennen. Da arbeiteten sie zusammen in einem Tonstudio, das der Berliner Senat eingerichtet hatte, um Kreuzberger Kids von der Straße zu holen, indem diese ihre eigene Rap-Musik aufnehmen.

Als das Projekt wegen mangelnder Finanzierung aufgegeben werden musste, begannen Frohne und Beder Jingles fürs Werbefernsehen zu produzieren. Mit einer Mischung aus Stolz und Schaudern erinnern sie sich an die von ihnen produzierte Dudelmusik zum Spiel der „Superball“ im Sat1-Frühstücksfernsehen, bei dem Anrufer einen Computerball mit Kommandos „rechts“ und „links“ an Hindernissen vorbeilenken konnten.

„Irgendwann hatten wir aber keine Lust mehr Musik zu machen, da haben wir alle Geräte bei Ebay verschachert, die Studio- einrichtung rausgerissen, auf einen Haufen im Garten geworfen und ein Lagerfeuer gemacht“, sagt Frohne. Beder lacht. Ja, so war das. Das war der Schnitt. Fortan wollten sie sich ganz der Technik widmen – über die Jahre hatten sie ohnehin öfter für befreundete Musiker Verstärker und andere Technik zusammengeschraubt – als Hobby. Durch Mund-zu-Mund-Propaganda kamen dann auch die ersten zahlenden Kunden.

Die Werkstatt, das Gartenhaus der Eltern von Ingolf Beder in Großwudicke, wurde schnell zu klein, was die Tüftler spätestens registrierten, als sie größere Geräte tagsüber unter dem Sonnenschirm im Garten abstellen mussten. Da entschieden sie sich, die benachbarte 300 Quadratmeter große Halle zu kaufen, die zuvor zehn Jahre praktisch leer stand.

Heute ist KID Broadcast fest etabliert und auch bei den Preisen absolut konkurrenzfähig gegenüber den Wettbewerbern. „Unser Vorteil ist, dass wir ganz individuelle Teile produzieren. Ob der Kunde fünf oder 500 Geräte braucht, ist uns fast egal. Wir machen alles. Geht nicht, gibt‘s nicht“, sagt Frohne.Kevin Hoffmann
 
KID Broadcast Geschäftsführer:
Ingolf Beder, Dirk Frohne
Adresse: Hauptstraße 45,
14715 Großwudicke
Umsatz: rund 600 000 Euro
Mitarbeiter: 13
Telefon: 033873 / 900 80
Web: www.kid-broadcast.de

Aus der Ausgabe 7/2008
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