Die Zukunft im Stall
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Seltenes Bild: Zurzeit schluckt das Jetcar noch 2,5 Liter Diesel.
Foto: promo |
Die Autoindustrie ist bei uns nicht sehr verbreitet“, sagt Christian Wenger-Rosenau lapidar. „Deshalb sind wir sehr bekannt hier in der Gegend.“ Die Gegend, das ist Nietwerder, ein schmuckloses Dorf am östlichen Ufer des Ruppiner Sees, gleich gegenüber von Neuruppin. Von einem Industrieunternehmen kann man bei der Jetcar Zukunftsfahrzeug GmbH, deren Gründer und Geschäftsführer Wenger-Rosenau ist, zwar auch beim besten Willen nicht sprechen. Aber das kleine brandenburgische Unternehmen, das in den ehemaligen Hallen einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) produziert, hat immerhin schon von sich reden gemacht. Nicht nur im nahen Berlin, sondern auch in den Automobilhochburgen Wolfsburg, Stuttgart und München.
Denn Jetcar baut Fahrzeuge, die so sparsam sind, dass selbst Volkswagen, Daimler und BMW ins Staunen geraten. Das aktuelle Modell Jetcar 2.5, das vor fünf Jahren auf der Automesse IAA in Frankfurt zum ersten Mal präsentiert wurde, verbraucht gerade einmal 2,5 Liter Diesel auf 100 Kilometer. Angetrieben von einem Drei-Zylinder Dieselmotor mit Turbolader bringt es das schnittige Fahrzeug auf eine Höchstgeschwindigkeit von 160 Stundenkilometern.
Wenger-Rosenau verrät nicht, woher der Motor stammt, der unverkennbar dem Aggregat des Daimler-Stadtflitzers Smart gleicht. „Wir bekommen Teile aus der Autoindustrie zugeliefert“, heißt es lediglich.
2009 präsentieren wir unser Elektroauto
Made in Nietwerder sind hingegen die Karosserie und das Chassis. Drei Mitarbeiter – ein Mechaniker und zwei Ingenieure – fertigen die Außenhaut des Jetcar in vielen Arbeitsschritten. „Dabei werden wie im Bootsbau mehrere Schichten Glasseide von Hand mit Epoxidharz laminiert“, erklärt der Jetcar-Chef. In einer ebenfalls selbst gefertigten Negativform nimmt die Karosserie Gestalt an, anschließend wird sie im Ofen bei 60 bis 70 Grad ausgehärtet. „Nester“ nennt Wenger-Rosenau die verschiedenen Produktionsplätze in der großen LPG-Halle. Sechs Monate brauchen die Jetcar-Bauer im Schnitt für ein Fahrzeug.
Dank der handgefertigten Karosserie aus verstärktem Kunststoff, die auf einem leichten Stahlrahmen sitzt, wiegt das Jetcar nur 730 Kilogramm. Dabei ist es extrem windschnittig – „strömungsgünstig“, wie Autobauer Wenger-Rosenau sagt. Mit Wind und Luftwiderstand kennt sich der 45-Jährige aus. Zusammen mit seinem Bruder Michael beschäftigt er sich schon lange mit alternativen Energieformen und effizienter Energienutzung. Vor 20 Jahren schon konstruierte und baute Wenger-Rosenau kleine Windkraftanlagen. Seit 1995 projektieren die Brüder Windparks im nördlichen Brandenburg. Die Erlöse aus den Parks fließen zum Teil in die Jetcar-Fertigung. Aus eigener Kraft läuft zwar das sparsame Auto – nicht aber das Unternehmen Jetcar.
Wenger-Rosenau scheint das nicht weiter zu beunruhigen. Der diplomierte Sozialpädagoge ist kein Dampfplauderer, eher ein Überzeugungstäter mit einer klaren Meinung: „Wir glauben an den Erfolg unseres Autos“, sagt er. Mit ihm tut das eine ungenannte Zahl von Kunden, die in der Lage war, 48 000 Euro für ein Jetcar zu bezahlen. Darunter Umweltbewusste mit dem nötigen Kleingeld und Unternehmen, die das Jetcar zu Werbezwecken einsetzen.
Zum 40-jährigen Jubiläum der Marke „Kinder“ stellte Jetcar dem Süßwarenhersteller Ferrero ein Auto für ein Gewinnspiel zur Verfügung. Im September 2007 rollte ein Jetcar durch Nenas Musikvideo „Ich werde dich lieben“.
In diesem höchst „exklusiven Segment“ fühlt sich Jetcar wohl, obwohl die Macher weit davon entfernt sind, zum Glamour-Milieu zu gehören. „Unsere Kunden wollen besonders behandelt werden“, sagt der Geschäftsführer. „Sie kaufen schließlich auch ein teures Auto, das sich nicht mit anderen vergleichen lässt.“ Einen glänzenden Showroom gibt es auf dem Nietwerder Firmengelände trotzdem nicht. Aber einen polierten Vorführwagen, mit dem Interessierte über die umliegenden Straßen Brandenburgs brettern können. Wie oft das geschah und wieviele Fahrzeuge aus der limitierten Kleinserie von 100 Stück bisher verkauft wurden, bleibt ein Geschäftsgeheimnis.
Große Erwartungen werden in diesen Tagen im Planungsbüro von Jetcar geweckt. In wenigen Monaten will das Unternehmen ein Fahrzeug mit Elektromotor vorstellen. Die Diesel-Variante soll dann auslaufen. „Wir werden Anfang 2009 ein fahrbereites Elektroauto präsentieren“, kündigt Wenger-Rosenau an.
Der innovative Autokonstrukteur aus Brandenburg glaubt, dass kleine Hersteller das Rennen auf dem Markt für Elektroautos machen werden. „In ein, zwei Jahren werden sie mit kleinen Autos auf Nischenmärkten erfolgreich sein“, sagt er.
Henrik Mortsiefer
Firmeninfo
Jetcar plant eine Kleinserie. Dann soll Personal eingestellt werden.
Jetcar Zukunftsfahrzeug GmbH
Geschäftsführer: Christian Wenger-Rosenau
Adresse: Dorfstraße 53, 16816 Nietwerder
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: 3
Telefon: 03391 / 70 09 39
Web: www.jetcar.de
Aus der Ausgabe 8 / 2008

