Krebs heilen und Öl förden
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Körnermaschine Eckert kontrolliert die Produktion der Prostata-Implantate. Foto: Mike Wolff |
Die Schale sieht aus wie ein Wok, hat aber nur die Größe eines Augapfels. Auf den muss sie passen, denn sie wird zur Behandlung von Augenkrebs benutzt. Das radioaktive Material in ihr strahlt sechs bis sieben Millimeter aus. Es verkrustet alles Gewebe um den Tumor. Die Silberschale ist das älteste Produkt der Eckert & Ziegler GmbH, noch zu DDR-Zeiten entwickelt.
So hat es angefangen. Inzwischen ist Eckert & Ziegler ein gutes Beispiel dafür, wie man sich mit einer einzigen Technologie in vielen Branchen gleichzeitig gut aufstellen kann. Das Unternehmen mit Sitz in Buch hat sich auf die Verarbeitung radioaktiver Stoffe spezialisiert. Die Technik wird abgewandt für Augenschalen, Krebsbehandlung und -diagnose, Messstationen für Feinstaub, Sensoren in Rauchmeldern, Füllstandmesser für Cola-Flaschen. „Der gemeinsame Nenner sind Isotopen“, sagt der Vorstandsvorsitzende Andreas Eckert. Er steht an einer Tafel im Besprechungsraum, trägt ein weißes Hemd, eine rosa-blau gestreifte Krawatte und erklärt die Isotopentechnik.
Das funktioniert wie beim Topfschlagen: Die Quelle sagt: Heiß, heiß, heiß
Isotope sind Atome mit gleicher Massenzahl und unterschiedlicher Ordnungszahl. Es gibt stabile und instabile radioaktive Isotope. Der Zerfall durch die Instabilität lässt sich sehr genau berechnen. Deswegen werden sie zur Messtechnik eingesetzt. Genauer geht es kaum. Als besonders lukrativ hat sich das Geschäft mit der Ölförderung erwiesen, in das die Firma 1999 eingestiegen ist. Sie ist einer von zwei Herstellern weltweit, die Strahlenquellen für Bohrköpfe anfertigen. „Das funktioniert wie beim Topfschlagen. Die Quelle sagt: Heiß, heiß, heiß. So können Sie dem Öl hinterherbohren“, erklärt Eckert. Wenn der Ölpreis steigt, ist das gut für sein Geschäft. „Dann lohnt es sich in sonst unwirtschaftlichen Gegenden zu bohren.“
2008 war dafür wie geschaffen. Das Segment Industrie, zu dem die Ölförderung gehört, ist mit 22,2 Millionen Euro Umsatz in den ersten neun Monaten 2008 das erfolgreichste. Die anderen Segmente sind Therapie und Radiopharmazie. Das Unternehmen ist seit 1997 eine Holdinggesellschaft, seit 1999 börsennotiert. Die älteste Tochter ist 1992 aus dem Zentralinstitut für Isotopentechnik, einem Forschungsinstitut in der ehemaligen DDR, hervorgegangen. Inzwischen investiert Eckert & Ziegler verstärkt in den Nachwuchs. Für die Gründung des Forschergartens, einem Projekt, mit Experimentierkursen für Kinder und Jugendliche, gab es 2008 die Franz-von-Mendelssohn-Medaille für bürgerschaftliches Engagement.
Das Medizingeschäft ist nicht einfach. „Die Kosten bis zur Zulassung sind irre hoch“, sagt Eckert. Ein Markt unter einer bestimmten Gewinngrenze lohne sich nicht. Beispiel Augenkrebs. Bei der Behandlung mit Isotopentechnik ist Eckert & Ziegler mit 90 Prozent deutlicher Marktführer. Mit einem Umsatzvolumen von knapp über einer Millionen Euro ist allerdings wenig zu holen. Deswegen lautet die generelle Strategie: „Wir konzentrieren uns auf Sachen, die groß sind.“
Geschäftsführer: Andreas Eckert
Adresse: Robert-Rössle-Str. 10,
13125 Berlin
Umsatz: 54,4 Mio Euro
Mitarbeiter: 419
Telefon: 030 / 941 08 41 30
Web: www.ezag.com
Er führt in die Produktion im Nebengebäude. Wer dort rein will, muss gelbe Sicherheitsschuhe über die Straßenschuhe streifen und einen weißen Kittel überziehen. Kontaminationsgefahr! Im Labor bedienen Mitarbeiter Greifarme und bewegen damit Röhrchen und Hebel. Am Ende der Produktionskette fallen kleine Implantate in ein Auffangbecken. „Seeds“ werden sie genannt, weil sie in Form und Größe an ein Samenkorn erinnern. Für das Unternehmen sind sie aber eine der „großen Sachen“. Sie sollen Prostatakrebs im frühen Stadium bekämpfen. Mit einer Nadel sticht der Arzt in die Bauchdecke. Wie bei einem Bleistift mit Druckmine drückt er auf das obere Ende, bis das Implantat herausfällt. Die Seeds bescheren seinem Unternehmen einen Umsatzzuwachs von 69 Prozent im Vergleich zu 2007 – so viel wie bei keinem anderen Produkt.
Der Anteil der Patienten, die nach sieben Jahren beschwerdefrei überlebt haben, liegt laut Firmenbroschüre bei 76 Prozent. So viel wie bei einem chirurgischen Eingriff, allerdings leiden weniger Patienten an Nebeneffekten wie Inkontinenz und Impotenz. Ein klarer Wettbewerbsvorteil. Das ist nicht immer so: „Sind Kosten und Effektivität gleich, dann greifen die Leute zu nicht-radioaktiven Produkten“, sagt Eckert. Welche Gefahren von radioaktiven Verfahren ausgehe? Die Frage findet er falsch gestellt. Die Stoffe seien ja abgeschirmt. „Sie gehen doch auch nicht in einen Tigerkäfig.“ Die Ängste seien irrational. Als er aus dem Labor heraustritt, hält er ein Dosimeter gegen das Licht, ein stiftähnliches Gerät, das die Strahlendosis misst. Eckert ist nicht kontaminiert.
Matthias Jekosch
Aus der Ausgabe 10 / 2008
