Gehirnjogging für Autos

Die Fahrzeugbranche steckt tief in der Krise. Doch Berliner Hightechzulieferer können über mangelnde Aufträge nicht klagen
Modell für die Zukunft: Frank-Peter Böhm will Autos intelligenter machen.
Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Fühlen können sie noch nicht. Aber beim Denken und Lenken kommen sie den Menschen schon erstaunlich nahe. Die Autoindustrie arbeitet mit großem Aufwand daran, dass ihre modernen Fahrzeuge immer intelligenter und damit sicherer werden. Die komplexe Technik stammt meist von Zulieferern – großen Systemlieferanten wie Continental oder Bosch oder spezialisierten Mittelständlern.
In der Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg zählen rund 200 Firmen mit insgesamt 20 000 Beschäftigten zur Kfz-Zulieferindustrie und zur Forschungs- und Entwicklungssparte der Branche. Einer Branche, die seit Monaten mit der schlimmsten Absatzkrise
seit Jahrzehnten kämpft – mit verheerenden Folgen für die Lieferanten. Fast jede Woche meldet ein namhafter Autozulieferer Insolvenz an. Nach Angaben von Creditreform mussten allein im Zeitraum November bis Januar bundesweit 15 Autozulieferer aufgeben – Tendenz steigend.

Erfolgreich behauptet haben sich die Berliner Hella Aglaia Mobile Vision GmbH, eine Tochter des Scheinwerfer- und Elektronikherstellers Hella sowie das Technologieunternehmen Opensynergy, ein Lieferant von Betriebssoftware für elektronische Steuergeräte im Auto. Beide Unternehmen liefern, was die Hersteller selbst nicht produzieren können (oder wollen): Komponenten für das „Innenleben“ eines Fahrzeugs, die es sicherer und komfortabler machen – Gehirnjogging für Autos gewissermaßen.
„Die Autohersteller brauchen auch in Zukunft moderne, zeitgerechte Fahrzeuge“, sagt Frank-Peter Böhm, einer der fünf Gründer und Geschäftsführer der erst 2007 gegründeten Opensynergy GmbH mit Sitz in der Oberbaumcity in Friedrichshain. „Die Absatzkrise ist noch nicht bis zu uns durchgedrungen.“ Opensynergy stehe mit 34 Angestellten als Entwickler und Dienstleister nicht an der Verkaufsfront, sondern arbeite an Fahrzeugkomponenten, mit denen sich die Automarken und -modelle der Zukunft voneinander abgrenzen könnten. Gleichwohl sei die Unsicherheit in der Branche zu spüren. „Das wird in der Handelskette bis zu uns weitergegeben“, sagt Böhm.

Opensynergy hat eine Betriebssoftware („Coqos“) entwickelt, die wie ein Software-Baukasten dabei hilft, verschiedene Fahrzeug- und Entertainmentfunktionen zu integrieren. „Wir verbinden zwei Welten: das Fahren, Lenken und Bremsen mit dem Navigieren, Kommunizieren und Informieren“, sagt Böhm. In Zukunft könne ein Auto so selbstständig auf Gefahren reagieren und zum Beispiel die Geschwindigkeit drosseln oder das Radio ausschalten.

Die Autohersteller brauchen auch in Zukunft moderne, zeitgerechte Fahrzeuge

Die Software basiert auf „Autosar“, dem Softwarestandard der Autoindustrie. Mit großen Namen aus beiden Gruppen arbeiten die Berliner zusammen, die in der ersten Runde von Hasso Plattner Ventures finanziert wurden. Gerade testen sie das System mit einem namhaften Technologiezulieferer für den Praxiseinsatz. Dauere die Krise länger als gedacht, werde sich das natürlich auch auf die Entwickler auswirken, sagt Böhm. Schon jetzt müssten Projekte verkürzt und mit weniger Mitarbeitern besetzt werden. „Statt mit einem großen Projekt planen wir nun mit drei kleinen“, sagt Böhm, der noch an die Prognose der Branche glaubt, wonach es Ende 2009 mit den Verkaufszahlen langsam wieder aufwärts gehen soll.

Firmeninfos
| Opensynergy GmbH |

Opensynergy sucht zurzeit einen Software-Engineer

Geschäftsführer: Frank-Peter Böhm,
Rolf Morich, Stefaan Sonck Thiebaut
Adresse: Rotherstraße 9,
10245 Berlin
Mitarbeiter: 34
Telefon: 030 / 20 18 18 35 00
Web: www.opensynergy.com

Hella Aglaia Mobile Vision GmbH
Geschäftsführer: Thomas Schilling
Adresse: Treskowstr. 14,
13089 Berlin
Mitarbeiter: 120
Telefon: 030 / 20 00 42 90
Web: www.hella.com/produktion/AglaiaDE/WebSite/Channels/Home/Home.jsp

Darauf setzt auch der Autozulieferer Hella Aglaia mit Sitz in Pankow. 2006 wurde die Firma vom Scheinwerferkonzern Hella übernommen. Inzwischen hat das Unternehmen 120 Mitarbeiter und entwickelt seit 1998 Fahrerassistenzsysteme und Systeme zur Steuerung des Verkehrsflusses. Die Idee: Fahrzeugen das Erfassen und intelligente Verarbeiten der Umwelt beizubringen, um Sicherheit und Komfort zu steigern. Alle führenden Auto- und Systemhersteller gehören zu den Kunden der Berliner.
Auch die enge Kooperation des Unternehmens mit Wissenschaftlern zum Beispiel der Humboldt Universität trägt Früchte: So wird etwa im neuen Opel Insignia eine von Hella Aglaia entwickelte Kamera eingesetzt, die Verkehrzeichen liest und die Fahrspur beobachtet, um den Fahrer rechtzeitig zu alarmieren, wenn er Straßenmarkierungen überfährt. Eine andere Kamera der Berliner ist schon länger bei Volvo im Einsatz: Sie befindet sich am Seitenspiegel und signalisiert, wenn sich ein Auto im toten Winkel befindet.

Henrik Mortsiefer


Aus der Ausgabe 2 / 2009

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