Vorsicht Fälschung
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Original und Fälschung: Eine Schachtel Aspirin, einmal echt, einmal verfremdet Foto:Mike Wolff, Bildmontage: Sascha Lobers |
In schöner Regelmäßigkeit gelangen die Erfolgsmeldungen im Kampf gegen gefälschte Produkte in die Presse. Meist geht es dabei um die Entdeckung etlicher mit Plagiaten gefüllter Container an einem deutschen See- oder Flughafen. Oder es wird über eine groß angelegte Razzia auf einer Messe berichtet – so geschehen auf der letzten Internationalen Funkausstellung, als 220 Beamte fünf Lkw-Ladungen mit Fernsehern, Receivern und MP3-Spielern abtransportierten.
Natürlich ist jedes gefälschte Produkt, das dem Wirtschaftskreislauf entzogen wird, ein Erfolg – und somit eine Meldung wert.
Grund zum Aufatmen gibt es trotzdem nicht. Im Gegenteil. Eine erschreckend hohe Anzahl gefälschter Produkte überschwemmt den deutschen Markt. Und während vor zehn Jahren fast ausschließlich Luxusgüter wie Rolex-Uhren oder Louis-Vuitton-Handtaschen nachgemacht und billig verscherbelt wurden, werden heute nahezu alle Güter als Kopien auf den Markt geworfen – von Arznei über Schokolade bis hin zu Zigaretten. Der Schaden, der daraus entsteht, summiert sich alleine in Deutschland auf schätzungsweise 30 Milliarden Euro.
Am wichtigsten ist die Aufklärung der Verbraucher
Produkt- und Markenpiraterie ist zum ernsthaften Problem für die Wirtschaft geworden. Auch Berliner Hersteller beklagen Umsatzeinbußen und Imageschäden. Die meisten Unternehmer beziffern die Höhe ihres Absatzeinbruchs zwar nicht. Das sei, da es sich um einen grauen Markt handelt, nicht möglich. Dass das Problem dringlich ist, zeigt aber allein die Tatsache, dass die meisten Firmen scharf gegen Produktpiraterie vorgehen.
Große Unternehmen wie Bayer Schering Pharma setzen ein ganzes Bündel an Maßnahmen ein. So hat das in Berlin ansässige Arzneimittelunternehmen unter anderem eine Abteilung aufgebaut, die auf der ganzen Welt (und im Internet) nach gefälschten Medikamenten fahndet. Außerdem stattet der Konzern seine Produktverpackungen mit technischen Sicherungsmechanismen aus. Die Hologramme sollen es den Fälschern unmöglich machen, Produkte nachzuahmen. Am wichtigsten aber sei die Aufklärung der Verbraucher, sagt Pressesprecherin Denise Rennmann: Auf einer eigens eingerichteten Webseite (www.vorsicht-faelschung.de) gibt das Unternehmen Patienten Tipps, wie sie sich vor Nachahmungen schützen können. Natürlich geschieht diese Aufklärungsarbeit nicht ganz selbstlos. Gefälschte Medikamente können die Gesundheit der Patienten ernsthaft schädigen — und damit auch den Ruf des Herstellers, selbst wenn das schädliche Produkt gar nicht aus dem Hause Bayer Schering stammt.
Für mit Chemikalien verseuchte Spielsachen oder Kleidung gilt das ebenso. Oder für nachgemachte Zigaretten, die neben Tabakgiften häufig auch Blei, Cadmium oder Arsen enthalten – und die in Berlin besonders viele Abnehmer finden. Mehr als 100 Millionen Schwarzmarktzigaretten wurden 2008 in Berlin und Brandenburg sichergestellt, darunter viele Nachahmungen bekannter Marken, produziert in den Hinterhofwerkstätten Chinas.
Ausstellung „Schöner Schein – dunkler Schatten“ ab Juni in Berlin
Vorstand: Rüdiger Stihl (Vorsitz.)
Adresse: Haus der Deutschen Wirtschaft,
Breite Str. 29, 10178 Berlin
Telefon: 030 / 203 08-27 19
Web: www.markenpiraterie-apm.de
Der Tabakkonzern Philip Morris, der in seinem Neuköllner Werk jeden Tag mehr als 200 Millionen Zigaretten herstellt, kennt das Problem. Und weil das Unternehmen findet, dass die Raucher daran nicht ganz unschuldig sind, wenn sie sich auf Straßenmärkten mit falschen Zigaretten zu zwei Euro pro Schachtel eindecken, unterstützt das Tabakunternehmen zahlreiche Informationskampagnen. Aktuell sponsert es die Wanderausstellung „Schöner Schein – dunkler Schatten.“, die der Berliner Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie, kurz APM, in Einkaufszentren in ganz Deutschland veranstaltet. Ende Juni wird die Ausstellung eine Woche lang im ECE-Eastgate gastieren, in der ersten Juliwoche im Linden-Center in Hohenschönhausen. Betroffene Firmen könnten sich noch an den Ausstellungen beteiligen, sagt Sebastian Helmreich vom APM. Sie hätten zum Beispiel die Möglichkeit, gefälschte Exponate auszustellen.
Wer im Kampf gegen Plagiate langfristig erfolgreich sein will, muss allerdings mehr tun als Verbrauchern ins Gewissen zu reden. Besonders wichtig sind Schutzrechte wie Marken und Patente. Unternehmen, die ihre Produkte schützen wollen, können an der sogenannten Grenzbeschlagnahme teilnehmen. Bei diesem Verfahren zieht der Zoll Waren, die im Verdacht stehen, gefälscht zu sein, direkt an der Grenze aus dem Verkehr. Dass sich die Grenzbeschlagnahme lohnt, steht außer Frage. Immerhin hat der Zoll im vergangenen Jahr 40 Prozent mehr Ladungen aufgegriffen als im Vorjahr.
Sabine Hölper
Aus der Ausgabe 5 / 2009

