Lage mit Strahlkraft
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Neue Anhalter Botschaft: Der Bau soll noch in diesem Jahr beginnen. Foto: promo |
Einst kamen Gäste aus München, Athen oder Neapel hier an. Sie vergnügten sich im nahen Varieté oder im Rotlichtviertel. „Der Anhalter Bahnhof war eine der lebendigsten Stätten Berlins“, sagt Franz Schulz, Bürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg.
Heute erinnert nur noch die Ruine der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Halle an den früher so wichtigen Fernbahnhof. Auch die umliegende Gegend wird kaum noch zum Vergnügen aufgesucht. „Durch den Mauerbau ist das Viertel weitgehend abgehängt worden“, sagt Schulz. Das ändere sich jetzt erst langsam. Das zentral gelegene Gelände birgt großes Potenzial, darauf werden auch Projektentwickler aufmerksam.
Jüngstes Beispiel: Die Freo-Gruppe, die noch in diesem Jahr mit dem Bau der „Neuen Anhalter Botschaft“ an der Ecke Möckernstraße/Stresemannstraße beginnen will. Hier entstehen insgesamt 30 000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche, die vornehmlich für Büroräume genutzt werden sollen. Kostenpunkt für den Neubau, der 2011 fertiggestellt werden soll: 50 bis 55 Millionen Euro. Die Gesellschaft habe die Entwicklung am Anhalter Bahnhof aufmerksam beobachtet und festgestellt: „Da tut sich was“, sagt Sebastian Klatt, Partner und Leiter Projektentwicklung.
Das Kosten-Nutzen-Verhältnis ist am Anhalter Bahnhof sehr attraktiv
Die Meermann-Immobiliengruppe baut derzeit den neuen Sitz des Verbandes der Ersatzkassen an die Ecke Stresemannstraße/Askanischer Platz. In Steinwurfweite steht das Deutschlandhaus, in das jetzt die Vertriebenenausstellung ziehen soll. Das Tempodrom hat sich als Veranstaltungsort etabliert. Und auch der Verlag Der Tagesspiegel will noch in diesem Jahr all seine Publikationen am Askanischen Platz bündeln.
Die letzten Baulücken werden zwar derzeit geschlossen. Für Bürgermeister Schulz bleiben jedoch noch einzelne Makel: Das große Hochhaus direkt vor der alten Bahnhofsruine und die ihm vorgelagerten Gewerbegebäude bilden für ihn einen „wirren Stadtbildcharakter“.
Die Investoren scheint das nicht zu stören. „Die Strahlkraft der Lage wird zunehmen“, ist sich Jürgen Michael Schick, der Pressesprecher des Immobilienverbandes Deutschland, sicher. Er macht eine deutliche Aufwertungstendenz aus. Vor allem die Nähe zum Potsdamer Platz sei ein erheblicher Standortvorteil. Wenn auch die goldenen Klingelschilder wohl dem Potsdamer Platz vorbehalten bleiben. „Die Adressqualität dort ist noch eine andere“, so Schick. Aber: Das Kosten-Nutzen-Verhältnis sei dafür am Anhalter Bahnhof sehr attraktiv.
Bei der Freo hatte bereits ein Interessent angefragt, bevor die Gruppe überhaupt das Grundstück gekauft hatte. Jetzt jedoch ist Krisenzeit – und die macht auch vor dem Immobilienmarkt nicht halt. Der Interessent ist abgesprungen. Das Zögern hat auch Bürgermeister Schulz in seinem Stadtplanungsamt feststellen müssen: „Vor der Krise nahmen die Anfragen auf Baurecht zu.“ Damit sei es jetzt vorbei.
Adresse: EBBC 6D, route de Trèves,
L-2633 Senningerberg;
Luxembourg
Mitarbeiter: 45
Telefon (Berliner Büro):
030 / 206 23-400
Web: www.freogroup.com
Klatt jedoch ist zuversichtlich, dass die Büroflächen Abnehmer finden werden: „Wir heben uns von unseren Mitbewerbern ab, weil wir einen relativ maßgeschneiderten Neubau für einen vernünftigen Preis anbieten“, sagt er. Mieter könnten also ihre Wünsche mit einbringen. Die Räume sollen in 4000 bis 6000 Quadratmeter-Einheiten angeboten werden. Durch die Größe könnten sie vor allem für Organisationen und Verbände interessant sein, meint Klatt. Auch hinter der „Neuen Anhalter Botschaft“ wird Leben einkehren. Hinter den neuen Bürokomplexen sollen demnächst Wohnimmobilien entstehen. Das Gelände gehörte früher der Post.
Welches Gesicht wird der Anhalter Bahnhof in Zukunft haben? So ganz sicher will das niemand sagen. Die Frage ist, wie der Immobilienmarkt auf die aktuelle Krise reagiert. „Der wird jeden Tag unsicherer“. sagt Schick. Die Politik jedenfalls weiß, was sie will. „Die stadtentwicklungspolitische Zielsetzung will eine andere Interpretation als die historische“, betont Schulz. Heißt: Kein Amüsierviertel mehr. Dafür eines, das vielfältig genutzt werden kann. Wohnen, Arbeiten und Kultur sollen Hand in Hand gehen.
Ein bisschen kehrt der Anhalter Bahnhof dann aber wohl doch zu seiner Historie zurück: Als Auffangbecken für Berlinreisende. Bereits jetzt haben sich Hotels wie das Express by Holiday Inn oder das Mövenpick am Standort niedergelassen. „Auch wir haben eine Hotelnutzung im Visier“, sagt Klatt. Gespräche mit Interessenten seien schon relativ weit fortgeschritten.
Matthias Jekosch
Aus der Ausgabe 7/8 / 2009
