Debatte um den Platz
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Licht auf den Platz: Der Gendarmenmarkt könnte neu ausgeleuchtet werden. Foto: ddp |
Je nach Lust und Laune nennen ihn Politiker und Tourismusexperten den schönsten Platz Berlins, Deutschlands oder gar Europas. Jeder kann sich sein Bild machen: Irgendwie ungewöhnlich für das architektonisch zerfaserte Von-allem-etwas-Berlin ist er schon, der Gendarmenmarkt in Mitte. Ein historischer Stadtraum mit klassischer Architektur, ein stolzes, geschichtsbewusstes Ensemble, das in den achtziger Jahren im wahrsten Wortsinn aus Ruinen auferstanden ist. Jetzt soll der Platz erneuert werden: Zurzeit wird mit Anwohnern und anderen Interessenten in Bürgerforen über die Neugestaltung beraten. Die ersten Arbeiten sollen im kommenden Jahr beginnen.
Ursprünglich lag der Gendarmenmarkt vor den Toren der befestigten Stadt. Als Friedrichstädtischer Markt wurde er ab 1701 mit der Französischen und Deutschen Kirche bebaut, 1774 durch das französische Komödienhaus und 1780 durch die Gontardschen Türme ergänzt. Nach dem hugenottischen Regiment Gens d’Armes hieß das Karree ab dem 18. Jahrhundert Gendarmenmarkt. 1818 begann Karl Friedrich Schinkel mit dem Bau seines klassizistischen Nationaltheaters, das sich seither als klassische architektonische Schönheit bewundern lässt.
Wir dürfen nicht stehen bleiben und müssen überlegen, das Notwendige zu tun
Im Zweiten Weltkrieg zerstört, wurde der Gendarmenmarkt in den achtziger Jahren mit größter Sorgfalt und Fachkenntnis „ganz im Sinne Schinkels“, wie Architekt Manfred Prasser betont, wieder aufgebaut. Die beiden Dome und das Schauspielhaus erhielten eine Umbauung mit Büros, Restaurants, Hotels und Wohnungen.
Mannigfach sind die öffentlichen Nutzungen: Die Französische Friedrichstadtkirche beherbergt mehrere Gemeinden. Allabendlich strömen Musikfreunde zu den Konzerten ins Schauspielhaus oder zu anderen Veranstaltungen, die den Schinkelschen Nachbau als edlen Rahmen für ihre Aktivitäten nutzen. An den Platz grenzen die Akademie der Wissenschaften, mehrere Hotels, die Hochschule für Musik Hanns Eisler und Restaurants, bei denen der Gast im Sommer gern im Freien die Schönheit des Platzes genießt.
Kurz nach der Wende entdeckten Unternehmer den Gendarmenmarkt als Amphitheater und die Treppen des Schauspielhauses als Bühne: „Classik open air“ nennt sich eine Reihe sommerlicher Konzerte, bei denen der Platz mit immer breiter wuchernden Zuschauertribünen und -traversen verstellt wird. Weiße Pagodenzelte und ein strahlender Weihnachtsbaum beherrschen den Platz im Winter, wenn sich hier die Fest-Veranstaltung „Weihnachtszauber“ präsentiert und bis Silvester mehr als eine halbe Million Besucher anzieht.
Aber nun scheint die Zeit gekommen, den Platz „aufzuhübschen“, mehr als zwanzig Jahre Nutzung haben ihre Spuren hinterlassen. Senatsbaudirektorin Regula Lüscher möchte „Spielräume ausloten für weitere Gestaltungsmöglichkeiten“, und der Baustadtrat von Mitte, Ephraim Gothe, verweist auf andere europäische Metropolen, mit denen Berlin im Wettbewerb steht und um die Gunst der Touristen konkurriert: „Überall spüren wir, wie sie in Paris und Rom, in London, Madrid, Barcelona ihre architektonischen Schätze noch sichtbarer machen und ins rechte Licht rücken. Auch wir dürfen nicht stehen bleiben und müssen überlegen, das Notwendige zu tun.“
Geld scheint im „Plätzeprogramm“ der Senatsbaudirektion vorhanden, „das alles ist nicht unter einer Million zu haben“, sagt Regula Lüscher. Und um nicht ins Blaue hinein zu planen, hat man sich für eine demokratische Mitbestimmungsvariante im Vorfeld entschieden.
Die Anwohner, Nutzer und Restaurantbesitzer treffen sich regelmäßig zu einem Workshop zur Gestaltung und Nutzung unter dem Titel „Zukunftswerkstatt Gendarmenmarkt“. Da gab es spontan mehrere Arbeitsgruppen, die die Fragen des Bürgerforums diskutierten: Konkurrieren die zahlreichen Schankvorgärten der Restaurants mit den gestalteten Freiräumen? Sind große Bäume besser als kleine am Französischen Dom? Wohin mit den Reisebussen? Darf der ruhende Verkehr die Wahrnehmung des Platzes einschränken? Wohin mit ihm? Können oder sollen die Gehwege breiter werden? Darf Grün auf den Platz, wie vor hundert Jahren mit Beeten und Schmuckpflanzungen? Sollten Brunnen die Szene beleben? Und: Soll der Markt ein „städtischer Wühltisch für alle möglichen Events“ sein, wie Landschaftsarchitekt Till Rehwaldt fragt, der verschiedene Varianten einer behutsamen Erneuerung vom Pflaster bis zur Beleuchtung zur Debatte stellt.
Die Anlieger, die Cafés und Restaurants mit ihren Schankflächen, denken nach und mit. Sie möchten sogar da draußen eine einheitliche „Möblierung“. Und ganz zum Schluss kommt noch ein geradezu revolutionärer Vorschlag: Wie wäre es wie einst im Mai mit einem Wochenmarkt? Schließlich heißt der Platz Gendarmenmarkt! Es darf in Ruhe weiterdiskutiert werden, „langsam herantasten“ nennt Regula Lüscher das, als Gegenteil einer Radikalkur.
Lothar Heinke
Aus der Ausgabe 12 / 2009

