Luxus und Streit im Kiez

Schickes Wohneigentum ist in der Mieterstadt Berlin gefragter als je zuvor. Doch Anwohner laufen gegen die neuen Townhouses Sturm
Minigarten und Terrasse: Die Kastaniengärten wollen das Dorf in die Stadt holen. Foto: promo

Natürlich könne man die Treppe auch aus Marmor haben. Maik Uwe Hinkel strahlt. Und die offene Fensterfront, herrlich, oder? Hinkel geht ins Badezimmer. Und diese Armaturen am Waschbecken erst. Stammen von einem kleinen Familienbetrieb aus Italien. Hinkel streicht sachte über die glatte Oberfläche. Es fühlt sich gut an.

Maik Uwe Hinkel ist Geschäftsführer der CIC Group. Seit 15 Jahren baut er in Berlin-Mitte Eigentumswohnungen. Sein neuestes Projekt: die Kastaniengärten in Prenzlauer Berg.

Sie sollen, vereinfacht gesagt, ein kleines Dorf in der Stadt darstellen. Wohnungen oder Häuser mit Gärten, eine kleine Oase der Ruhe mitten im Trubel. Hier werden bald Familien leben, die normalerweise in den Speckgürtel ziehen. Es werden auch Besserverdienende aus London oder Paris hierher ziehen, für die die Stadt angesagt und dabei noch unschlagbar günstig ist. Es sind Menschen, die Cafés, Geschäfte und Clubs um die Ecke haben wollen, sich aber im Sommer auf die eigene Liege auf dem eigenen Rasen legen möchten. Ein bisschen Spießertum im Szene-Viertel.

Die New Yorker lachen sich über unsere Preise tot

Das Konzept besetzt eine bisher ungenutzte Nische. Berlin ist eine klassische Mieterstadt, der Großteil der Menschen hat hier keine eigene Wohnung, Hinkel hat in den vergangenen 15 Jahren nur an drei Berliner eine Wohnung verkauft. Dafür drängen seit Jahren gut verdienende Arbeitnehmer aus ganz Deutschland in die Hauptstadt. Sie wollen schick wohnen – gerne in den eigenen vier Wänden. Exklusive Einheiten sind deshalb heiß begehrt. Hinkel hat eine Marktlücke entdeckt.

Allerdings können sich nur wenige Geschäfte mit dem gebürtigen Hellersdorfer leisten. Ein Quadratmeter Wohnfläche kann schon mal 11 000 Euro kosten, wie jüngst am Hausvogteiplatz. In den Kastaniengärten kommt man im Vergleich zu diesen astronomischen Preisen günstig zum Zug: Ab 3000 Euro ist ein Quadratmeter zu haben. Doch im internationalen Vergleich ist selbst das immer noch preiswert. „Die New Yorker lachen sich über unsere Preise tot“, sagt Hinkel.

Direkt neben den Kastaniengärten entsteht gerade der Marthashof, eine Anlage mit 130 hochexklusiven Wohnungen. Obwohl noch viele Teile im Bau sind, ist die Nachfrage immens. Bereits 75 Prozent der Wohnungen sind verkauft. Prenzlauer Berg als Standort haben die Investoren bewusst gewählt. „Wir bauen nur dort, wo die Lage einzigartig ist und wo die Umgebung ein Leben mit höchster Lebensqualität bietet“, sagt Ludwig Maximilian Stoffel, Vorstandsvorsitzender der Stofanel Investment AG.

Der Trend zu solchen Anlagen wird anhalten, solange verfügbare Flächen da sind. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung steht den Plänen offen gegenüber. Auch die Nachfrage, glauben Experten, wird nicht nachlassen. „Die Mobilitätskosten auf dem Land werden weiter steigen. Aus dem Grund werden vor allem Familien vermehrt in die Stadt ziehen. Hier ist alles gut erreichbar: die Schule, die Kinderkrippe und auch das Café“, sagt Klaus Beckmann, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Urbanistik.
Es scheint, als ob in dieser Stadtentwicklungsgeschichte alle glücklich wären: die Stadt, die Investoren, die Käufer.

| CIC Group |

Das Unternehmen sucht einen Bauingenieur und vier Mitarbeiter für den Vertrieb

Geschäftsführer: Maik Uwe Hinkel
Adresse: Kleine Jägerstraße 11,
10117 Berlin
Umsatz: 25 Millionen Euro
Mitarbeiter: zehn
Telefon: 030 / 200 73 65 00
Web: www.cicgroup.de

Aber dem ist nicht so. Nur einen Steinwurf von Kastanienhöfen und Marthashof entfernt wohnt Jörg Schleicher. Wenn er daran denkt, dass er demnächst auf einen Schlag 700 gut verdienende neue Nachbarn bekommen wird, steigt sein Puls. Zusammen mit vier weiteren Anwohnern hat er die Anliegerinitiative Marthashof gegründet. Sie haben Angst vor einem radikalen Strukturwandel, ausgelöst durch Besserverdiener, denen der Sushi-Laden und die Edelboutique wichtiger sind als der kleine Lebensmittelladen. Schleicher ist kein Illusionist. Er weiß, dass eine Gentrifizierung unvermeidlich ist. Er will sie nur nicht so schnell, nicht sofort zu hundert Prozent. „Vor uns steht eine Tsunami-Gentrifizierung, daran kann ein Kiez zugrunde gehen.“

Hinkel sieht das naturgemäß anders. Seine Kunden würden Kaufkraft in den Bezirk bringen, und am Wochenende kämen die kaufkräftigen Eltern zu Besuch. Dem Wandel dürfe man sich nicht verschließen.

Es sind zwei Weltsichten, die in dieser Straße in Prenzlauer Berg aufeinander prallen. Die Zeiten ändern sich, aber das Tempo des Wandels sorgt immer wieder für Auseinandersetzungen. Niemand weiß das so gut wie Hinkel. Seinen Heimatkiez in Hellersdorf hat er schon lange nicht mehr besucht. Die Anwohner haben sich geändert, Hinkel selbst ist ein anderer geworden. Warum sollte er dorthin fahren? Er kenne doch da kaum noch jemanden, sagt er.

Anne Hansen


Aus der Ausgabe 3 / 2010

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