Datschen aus Designerhand
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Die »Chamäleon-Laube« kann der Kunde farblich individuell gestalten. Foto: promo |
Baut ihr ein Trafohäuschen? Wo ist denn das Dach? Wieso hat das Ding fünf Ecken? Die neue Laube im Kleingarten von Familie Althoff am Schöneberger Priesterweg wirft bei Spaziergängern und Nachbarn jede Menge Fragen auf. Der Reisejournalist Dirk Althoff und seine Frau, eine Medizinerin, beide um die fünfzig, haben die Laube für sich und ihren neunjährigen Sohn in Auftrag gegeben. Klar, funktional, witzig, design-orientiert sollte sie sein. Keine „Jodlerhütte“ wie die rustikalen in der Nachbarschaft.
Denn obwohl inzwischen bekannt sein dürfte, dass Laubenpieper nicht per se dumpfe Spießer im Gartenzwergrausch sind, ist die Laubenarchitektur in Berlins Kleingartenanlagen nach wie vor fest in den Händen der ödbraun gestrichenen, alpin inspirierten industriellen Baumarktmodelle.
Für uns ist der Garten ein einziger Raum mit Draußen und Drinnen
Für die „Generation Ikea“, wie Nanni Grau die Akademikerpaare und jungen Familien nennt, die schon seit ein paar Jahren als Neupächter in die Kolonien strömen, gab es im Laubenbau „keine modernen Bilder“. Sie und ihr Ehemann Frank Schönert sind vor fünf Jahren mit ihrem Architekturbüro „Hütten und Paläste“ an der Kastanienallee angetreten, das zu ändern. Die beiden haben sich auf „urbane Nischen“ spezialisiert. Auf individuelle, Stadt und Grün verbindende Kleinarchitektur wie Badehäuser, Hausboote, Sommerhäuser oder Lauben. Rund 50 ihrer Designerdatschen stehen inzwischen in Berlin und anderswo.
Und auf der Baustelle im Kleingarten der Althoffs in der Kolonie Spreewald steht an diesem frischen Morgen gerade noch mal zur Debatte, wie lang und breit der Steg und die Terrasse sein sollen, die der Laube in T-Form vorgelagert sind. Architekten, Bauherr und Handwerker grübeln. Einer steht auf dem flachen Sonnendeck der Laube und verbindet Dachpappebahnen miteinander. So grün wie die drei Mustertäfelchen, die am Fenster lehnen, so sieht die Designerdatsche angestrichen aus. Dunkelgrün, grasgrün, hellgrün, durchbrochen von zwei milchigen Lichtwänden aus PVC, die das Morgenlicht drinnen auf den Schlafsessel und das Abendlicht auf den Tisch fallen lassen. Die fest mit Sitz- und Staufläche bemöbelte Terrasse wird silbergrau angemalt. „Ein Häuschen, das sich wie eine abstrakte Skulptur in den Garten einfügt“, nennt Frank Schönert die Laube mit dem Ausleger.
und Frank Schönert
Adresse: Kastanienallee 44,
10119 Berlin
Umsatz: 180 000 Euro
Mitarbeiter: 4
Telefon: 030 / 27 58 29 39
Web: www.huettenundpalaeste.de
Die traditionelle, „barocke“ Ausrichtung der am Grundstücksende gebauten Lauben mit Blick auf den gestutzten Schaugarten und die Pforte finden er und Nanni Grau eher spaßig. Ihre deutlich raffinierteren Modelle richten sich nach Ort, Licht oder Bauherrenwünschen wie denen von Familie Althoff, die den rechten Grundstücksnachbarn im Rücken und den linken – Freunde von ihnen – als Dauergast auf der Holzterrasse haben möchte. „Für uns ist der Garten ein einziger Raum mit Draußen und Drinnen“, sagt Grau, „und die Laube das Dach oder das Möbel, das ihn bei jedem Wetter erlebbar macht.“
Dass Grau und Schönert viel zu lässig sind, um Geschmackspolizisten zu sein, hat vor ein paar Jahren schon der Präsident der Berliner Kleingärtner festgestellt. Er war begeistert von der Idee, das muffige Laubenpieperimage mit moderner Datschenbaukultur aufzufrischen und lud zum Ideenaustausch. Der dabei entstandene Prototyp war 2006 auf der Grünen Woche zu sehen.
Statt auf 24 Quadratmetern ein Einfamilienhaus mit zwei engen, dunklen Zimmern nachzubauen, setzt „Hütten und Paläste“ auf einen multifunktionalen Raum, wo durchdachter Stauraum sperriges Mobiliar spart und Glaswände und Schiebetüren Licht und Garten hereinlassen. Die drei Serienmodelle „Cala“ – die Chamäleonlaube, „Mila“ – die Minilaube und „Dula“ – die Durchlaube sind individuell wandelbare, bunt gestreifte Holzgebilde. Allesamt ohne massives Betonfundament, was sie leichtfüßig wirken lässt. Gut gedämmt sind sie trotzdem. Die Schöneberger Gartenlaube hat 15 Zentimeter dicke Wände. „Das verlängert die Jahreszeit im Garten“, glaubt Laubenbauherr Dirk Althoff.
24 000 Euro Planungs- und Baukosten sind ihm dafür inklusive Einbaumöbeln, Bio-Toilette, ebensolchen Baumaterialien und integrierter Gerätekammer nicht zu viel. Er und seine Frau sind verhinderte Architekten, denen die gemeinsame Arbeit „höllisch Spaß“ gemacht hat. Und im Juni haben sie Einweihung gefeiert – mit Freunden, Holzbauern und Architekten. Eine Laube ist wie ein großes Haus, sagt er. Da passiere was beim Bauen. In der Familie und überhaupt. Sogar mit den Nachbarn zur Rechten klappt es neuerdings viel besser.
Gunda Bartels
Aus der Ausgabe 7 / 2010
