Heute hier, morgen da

Selbstständige Kreativarbeiter lieben große Räume und flexible Mietverträge. Coworking-Space heißt das Konzept
Knotenpunkt: Im Hub mietet man einen Platz am Schreibtisch - und im Netzwerk. Foto: promo

Bettina Lobenberg fühlte sich in den üblichen Gründerzentren nicht aufgehoben. Die 50-jährige Unternehmens- und Personalberaterin wollte mehr als einen Platz zum Arbeiten: Ein richtiges Netzwerk. Nicht virtuell, sondern im Hier und Jetzt. Im August des vergangenen Jahres hat sie sich deshalb dazu entschieden, Mitglied des Hub Berlin am Erkelenzdamm in Kreuzberg zu werden.
Im Jahr 2006 gründeten Wiebke Koch und Frauke Godat die Berliner Self eG, eine genossenschaftlich organisierte Unternehmensberatung für soziales Unternehmertum. Eine ihrer Kernfragen war: Was hält Menschen davon ab, Unternehmer zu werden? „Die Gründe, die uns genannt wurden, waren immer wieder dieselben: Keine Zeit, kein Geld, keine Gleichgesinnten und kein Ort, um Projekte umzusetzen“, sagt Wiebke Koch. So entwickelten Koch und Godat das Konzept des Hubs. Sie haben damit einen Nerv getroffen.

Der englische Begriff Hub bedeutet auf Deutsch Knotenpunkt oder Drehscheibe. Und in der Tat herrscht ein reges Treiben in den Räumen der ehemaligen Druckerei. Wie die vielen Menschen heißen, die an Schreibtischen telefonieren, diskutieren und Texte in ihre Computer tippen, erfährt man am Eingang. Wer anwesend ist, hängt ein Foto mit einer kleinen Selbstbeschreibung an einer dafür vorgesehenen Schnur auf.

In der Kreativbranche gibt es einen ausgeprägten Nachbarschaftsgedanken

Der Großraum ist durch Regalsysteme unterteilt, Tische sind zu Arbeitsgruppen angeordnet, Stellwände sind mit Postern und Post-Its beklebt. In der geräumigen Küche, die so groß ist, dass hier auch kleine Konferenzen abgehalten werden können, arbeitet Frauke Godat mit anderen Mitgliedern des Hubs an einer Installation aus Maschendraht. Der Kokon soll Zeichen für den Entwicklungsprozess des Arbeitsraumes sein. In diesen Tagen wird der Hub Teil eines internationalen Kooperationsnetzwerkes.
Am Abend soll ein „Openspace“ stattfinden. In einer großen Runde können die Mitglieder des Hub sich selbst und ihre Projekte vorstellen. Zwar entwickeln sich viele Kooperationen zwischen den kleinen und mittleren Unternehmen ganz automatisch. Trotzdem wird das Netzwerk zusätzlich durch Gastgeber gemanagt. Schließlich kann man bei 200 Mitgliedern, von denen rund 140 auch den Büroraum nutzen, schnell die Übersicht verlieren.

Rund 23 000 Unternehmen, schätzt die Senatsverwaltung, können in Berlin der Kreativwirtschaft zugeordnet werden. Die Branche ist geprägt durch kleine und mittlere Unternehmen. Die Hälfte der rund 160 000 Arbeitskräfte sind zudem Einzelunternehmer und Freiberufler. Zu deren besonderen Bedürfnissen gehört größtmögliche räumliche Flexibilität und Austausch mit anderen Selbstständigen.

Firmeninfo
| Self eG |

Das Hub Berlin sucht immer neue Mitglieder

Vorstandsvorsitzende: Wiebke Koch
Adresse: Erkelenzdamm 59–61,
10999 Berlin
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: 2
Telefon: 030 / 707 19 50
Web: www.self-germany.de

Der Immobilienanbieter Orco GSG hat zusammen mit der Senatsverwaltung eine Studie über die Kreativwirtschaft erstellen lassen. „Es gibt einen sehr ausgeprägten Nachbarschaftsgedanken in der Branche. Kurze Wege sind ungemein wichtig, der direkte Austausch“, sagt Orco-Sprecherin Sabine Eilers. „Für diese Bedürfnisse brauchen sie große Räume, die individuell gestaltet werden können. Je nachdem, wie viele Mitarbeiter für ein Projekt gebraucht werden.“ Diesem Wunsch müsse die Immobilienwirtschaft entgegenkommen und auch das Konzept der Gewerbehöfe neu überdenken. „Mit einem Neubau im Zellsystem geht so etwas nicht.“

Coworking-Spaces heißen die neuen Zentren für Selbstständige, Freiberufler und kleine Unternehmer. Schon am Eingang des Hub Berlin wird das Konzept auf einem Plakat zusammengefasst: Nimm, was Du brauchst. Gib, was Du kannst. Madeleine Mohl nennt es: Den Open-Source-Gedanken in der realen Welt umsetzen. Sie ist Sprecherin des Betahauses in der Prinzessinnenstraße 19/20 in Kreuzberg. Das Konzept wurde in Zusammenarbeit mit Orco GSG als Teil des Büro- und Gewerbeprojekts „Die Prinzessin“ entwickelt. 

Die Mietverträge sind flexibel. Im günstigsten Tarif zahlen Selbstständige 79 Euro für 12 Nutzungstage im Monat. Bei Bedarf können die Tische zusammengestellt, neue Arbeitseinheiten geschaffen werden. Noch wirkt alles unfertig. Erst im März hat das Betahaus den Betrieb aufgenommen. Doch schon jetzt arbeiten hier rund 90 Menschen. Während Bauarbeiter Räume sanieren und Wände verputzen, sitzen sie an ihren Computern, über sich die Kabel des Stromnetzes und der Datenleitungen. Der Begriff Beta wird in der Programmiersprache für Testversionen verwendet. Und in der Tat ist das Betahaus für viele Mieter ein erster Test: Für ihr Dasein als Unternehmer und als temporärer Raum für Projekte.

Henning Zander


Aus der Ausgabe 6 / 2009

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