Shir Kahn trotzt der Krise

Eine neue Containerschifflinie verkehrt zwischen Berlin und Hamburg. Doch die Zeiten ungebremsten Wachstums in der Logistik sind vorbei
Berlin-Hamburg hin und zurück: Die neue Containerlinie wird im Westhafen be- und entladen. Foto: ddp

Beladen mit Containern voll mit Papier und Glasbruch macht sich die MS Shir Kahn auf den Weg vom Berliner Westhafen nach Hamburg. Die Container stehen zweilagig übereinander, viel mehr hätten es heute nicht sein dürfen. Rund drei Tage braucht das Schiff bis zum Ziel. In Hamburg wird die Ladung ausgetauscht. Glas und Papier gehen als Recyclingstoffe auf Hochseeschiffen weiter ins Ausland. Die MS Shir Kahn nimmt Container voll mit Konsumgütern und Nahrungsmitteln zurück nach Berlin.

Am 30. Juli hat die Elbe-Spree-Containerlinie der Berliner Hafen- und Lagerhausgesellschaft (Behala) und der Hamburger Spedition Konrad Zippel den Betrieb aufgenommen. „Die Auslastung liegt derzeit bei 90 Prozent“, sagt Detlef Wruck, bei der Behala zuständig für den Logistik-Vertrieb. Es sind Zahlen, die sich anhören wie aus einer anderen Zeit.

Jedes Jahr zehn Prozent Wachstum. Fast 20 Jahre hielt diese Entwicklung in der Logistikbranche an. Und nun dies: Der größte Einbruch seit Bestehen der Bundesrepublik. Rund 12,7 Prozent wird die deutsche Güterverkehrsleistung voraussichtlich sinken. Dies geht aus einer Prognose des Bundesverkehrsministeriums hervor. Die Bahnen hat es mit minus 18,4 Prozent am stärksten getroffen. Die Binnenschifffahrt steht dem mit 18,3 Prozent Minus kaum nach. 

Am Ende auf dem Niveau von 2006


Ist die neue Containerlinie ein Beleg dafür, dass die Krise am Logistikstandort Berlin vorbeizieht, ohne großen Schaden anzurichten? Wolfram Overmann vom Logistiknetz Berlin-Brandenburg geht von einem positiven Einzelfall aus. „Logistiksegmente, die an Branchen hängen, in denen Kurzarbeit herrscht oder die Produktion ganz eingestellt wurde, kämpfen mit erheblichen Problemen“, sagt Overmann. Wenn Maschinenbauer und Automobilzulieferer nichts mehr herstellen, werden auch keine Lkw, Schiffe oder Bahnen mehr gebraucht, die Materialien und Waren transportieren.

Insbesondere die Vorzeigeobjekte der hiesigen staatlichen Logistikförderung, die Güterverkehrszentren (GVZ), erwischt die Krise hart. So wurde zwar im Oktober vergangenen Jahres am GVZ Wustermark ein neuer Binnenhafen in Betrieb genommen. Doch bis heute hat an dem rund 15,4 Millionen Euro teuren Terminal kein einziges Schiff angelegt. Rund 12,4 Millionen Euro der Kosten wurden vom Land Brandenburg aus einem Topf zur Verbesserung der regionalen Wirtschaftsstruktur finanziert. Der Nutzen ist derzeit fraglich. Die Situation erinnert an den Berliner Westhafen. Bereits 2001 war hier das neue Containerterminal eröffnet worden. Und wartete bis zum Juli dieses Jahres auf seinen Einsatz.

Eine alte Eisenbahnbrücke bei Genthin machte es unmöglich, Schiffe zweilagig zu beladen. Mit nur einer Lage Containern ist der Betrieb aber unrentabel. Erst als die Brücke erneuert wurde, lohnte sich der Beginn einer regelmäßigen Frachtlinie zwischen Hamburg und Berlin. Die MS Shir Kahn ist das erste Schiff, das das Terminal nutzt. Von einer zweiten Frachtlinie wird wegen der Konjunkturlage derzeit abgesehen.

Doch es besteht Hoffnung: Aufträge und Umsätze könnten sich am Ende der Krise auf dem Niveau von 2006 einpendeln, sagt Wolfram Overmann vom Logistiknetz. Dies sei immer noch ein sehr guter Wert. Die Handelsströme würden sich weiter internationalisieren. Eine Voraussetzung dafür, dass sich die Branche wieder erholen kann.

Henning Zander


Aus der Ausgabe 9 / 2009

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