Das grüne Versprechen

Die Logistikbranche hat den Umweltschutz entdeckt. Vor allem im Transportbereich lassen sich Ressourcen einsparen
Die Smart Trucks der Deutschen Post DHL befinden sich noch in der Testphase. Foto: DHL/promo

Wer könnte besser über die aktuelle Verkehrslage informiert sein als ein Taxifahrer? Für das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrttechnik und den Speditionsdienst Deutsche Post DHL ist die Antwort klar: 4000 Taxifahrer. Ihre Taxen wurden im Rahmen eines Modellprojektes zu mobilen Sensoren aufgerüstet, die ständig aktuelle Informationen zum Verkehrsfluss bis hin zur Wetterlage an eine Zentrale übermitteln. Von der Zentrale werden die Daten an DHL-Zusteller weitergegeben. In deren Wagen sorgt eine automatische Tourensteuerung dafür, dass die Lieferungen pünktlicher und spritsparender zum Empfänger gebracht werden können.

Umweltschutz in der Logistik ist kein Selbstzweck


„Smart Trucks“ werden die DHL-Testfahrzeuge genannt. Sie gehören zum Klimaschutzprogramm der Deutschen Post DHL. Bis 2020 will das Unternehmen seine CO2-Bilanz um rund 30 Prozent verbessern. Die Ergebnisse des Smart-Truck-Projekts lassen sich schon heute sehen. „Der Einsparungseffekt beim Treibstoff liegt zwischen zehn und 15 Prozent“, sagt Projektleiter Boris Paul. Derzeit sind fünf Smart Trucks im Einsatz, langfristig soll die gesamte Express-Flotte in Berlin, rund 200 Fahrzeuge, mit der Technik ausgestattet werden. Durch die höhere Effizienz spart das Unternehmen Energiekosten. Und stärkt dabei seine Position im Wettbewerb.

Der bewusste und schonende Umgang mit Ressourcen ist derzeit in der Branche das große Thema. Nach einer aktuellen Studie des Deutschen Speditions- und Logistikverbands (DSLV) betreiben bereits 83 Prozent der Speditionen und Logistikdienstleister nach eigener Einschätzung „grüne Logistik“. Allerdings ist das Verständnis darüber, was schon „grün“ ist und was noch herkömmliche Logistik, sehr breit gefächert. Die meisten Unternehmen verstehen darunter eine Steigerung der ökonomischen und zugleich ökologischen Effizienz.

„Im Augenblick ist das Thema noch stark durch das Marketing getrieben“, sagt Dirk Lohre. Der Professor vom Institut für Nachhaltigkeit in Verkehr und Logistik der Hochschule Heilbronn hat im Auftrag des DSLV die Studie verfasst. „Nicht alle Unternehmen, die sich mit dem Begriff schmücken, bemühen sich ernsthaft um eine Reduzierung der Umweltbelastungen der Logistik.“ Es sei aber auch mehr als nur eine Modeerscheinung. „Langfristig wird die grüne Logistik immer wichtiger, da die Unternehmen den Anforderungen der Gesellschaft und der Kunden gerecht werden müssen.“

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Vor allem in der nachvollziehbaren Dokumentation etwa der Emission von Treibhausgasen wird auf die Unternehmen eine große Herausforderung zukommen. Immer öfter weisen Produkte einen so genannten CO2-Fußabdruck auf. Hier wird angegeben, wieviel CO2 von der Herstellung über die Lieferung zum Kunden bis hin zur Entsorgung erzeugt worden ist. Spediteure und Logistikdienstleister sind dazu aufgefordert, die hierfür erforderlichen Daten zu erheben. Insbesondere die Automobil-Industrie als Kunde ist an diesen Angaben interessiert. Dies könnte sich für viele Firmen als Markteintrittsbarriere erweisen. „Wer bestimmte Informationen nicht liefern kann, wird bei Ausschreibungen nicht mehr berücksichtigt“, sagt Lohre. Standards, die dem Kunden einen direkten Vergleich zwischen konkurrierenden Unternehmen erlaubten, gebe es aber bislang noch nicht.

Derzeit packen die Betriebe vor allem die Themen an, die zu ihrem eigentlichen Kerngeschäft gehören. Im Fokus der Aufmerksamkeit steht der Transport. Lieferwege werden optimiert, Leerfahrten reduziert. Ein weiteres großes Feld ist die Beschaffung neuer emissionsarmer Vehikel wie Hybridfahrzeuge. Auch alternative Treibstoffe werden getestet. Manche Betriebe erweitern ihre Bemühungen um den Einsatz von alternativen Energien für Verwaltungsgebäude oder um Regeln, mit denen Dienstreisen eingeschränkt und durch Videokonferenzen ersetzt werden.

Produkte, die damit werben, besonders umweltschonend zu sein, bieten immer noch die wenigsten Firmen an. Denn obwohl das Interesse der Kunden groß ist:  83 Prozent der befragten Speditions- und Logistikunternehmen schätzen die Bereitschaft ihrer Kunden, für klimaneutrale Leistungen einen höheren Preis zu bezahlen, als gering ein. „Umweltschutz ist in der Logistik kein Selbstzweck. Der Nutzen von grüner Logistik relativiert sich, sobald sie für einen Spediteur zu deutlich höheren Kosten oder zu einer Verletzung der Kernanforderungen an seine Leistung führt“, sagt Lohre. Mit einer daraus resultierenden schlechteren Wettbewerbsposition tue sich niemand einen Gefallen.

Henning Zander


Aus der Ausgabe 4 / 2010

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