Per Drahtesel auf Stadttour

In der Freiluftluftsaison liegen Mieträder vor allem bei Touristen aus dem Ausland hoch im Kurs. Die Konkurrenz auf dem Markt ist groß
Fahrradverleih im Keller: Stephan Sauer und Stephan Raffke von Mietradmitte Foto: promo

Am Anfang stand ein leerer Keller. „Der hatte mich schon lange gereizt, und ich dachte, irgendetwas muss sich daraus doch machen lassen“, sagt Stephan Sauer. Im Haus nebenan an der Linienstraße in Berlin-Mitte betreibt er ein kleines Café und vermietet Apartments. Seit einem guten Jahr ist der Keller nicht mehr leer. Wenn Stephan Raffke morgens durch die niedrige Tür tritt, stehen dort 30 Fahrräder, die über den Tag immer weniger werden. Bestenfalls, denn Raffke und Sauer verleihen die Räder an Berlin-Touristen.

„Mietradmitte“ haben sie ihren Laden genannt. Die Konkurrenz in der Stadt ist groß: Rund 70 Fahrradvermietungen zählt die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Technologie und Frauen. Tendenz steigend. Für die meisten Geschäftsleute ist der Verleih allerdings eher ein Zusatzgeschäft. In der Hauptsache verkaufen und reparieren sie Fahrräder, Hotels finden sich ebenso unter den Vermietern wie Anbieter von Stadtführungen – oder andere Menschen, die wie Sauer ihr Geld mit dem Tourismus verdienen.

Für viele unserer Kunden ist Fahrradfahren in Berlin wie eine Tour auf dem Land

„Es gibt mehr und mehr kleine Anbieter“, hat auch Wolf Schroen festgestellt, der bei „Fat Tire Bike Tours“ die Geschäfte führt. Sein Unternehmen ist eines der größten im Berliner Markt für Fahrradverleihs. „Inzwischen stellt sich, etwas übertrieben gesagt, jeder Souvenirladen, jeder Spätkauf ein paar Räder vor die Tür.“ Sorgen macht ihm die wachsende Konkurrenz allerdings nicht. Zum einen sei es für branchenfremde Betriebe schwierig, die Räder in großer Zahl sorgfältig zu warten. Zum anderen tauge die Vermietung der Räder als alleinige Einkommensquelle ohnehin nicht. „Wir haben 600 Räder, aber mehr als 150 verleihen wir selbst an guten Tagen nicht.“ Geld verdient das Unternehmen vor allem mit geführten Radtouren zu den historischen Orten Berlins, die auch unabhängig vom Wetter gebucht werden.

Ähnlich sieht es bei „Berlin on Bike“ aus, das über insgesamt 400 Räder verfügt. „Die Fahrradvermietung macht bei uns maximal 20 Prozent des Geschäfts aus“, sagt Inhaber Martin Wollenberg. Die Fahrradstation, der dritte größere Anbieter von Mieträdern in der Hauptstadt, macht das Hauptgeschäft mit dem Verkauf und ebenfalls mit Fahrradtouren.
 
Insbesondere ausländische Touristen sind offenbar scharf darauf, Berlin auf zwei Rädern zu erkunden. Während rund 60 Prozent der Berlin-Besucher aus Deutschland kommen, sind zwei von drei Kunden bei „Mietradmitte“ Ausländer. „Für viele von ihnen ist Fahrradfahren in Berlin wie eine Tour auf dem Land“, beschreibt Raffke mit einem Schmunzeln seine Kundschaft aus Millionenmetropolen wie Mexiko-City, Moskau oder Tokio.

Firmeninfo
| Mietradmitte |
Geschäftsführer: Stephan Sauer,
Stephan Raffke
Adresse: Linienstraße 58,
10119 Berlin
Umsatz: k. A.
Mitarbeiter: 2
Telefon: 030 / 28 09 66 00
Web: www.mietradmitte.de

In der Tat, in Berlin ist der Autoverkehr verglichen mit anderen Metropolen übersichtlich. Zudem wächst das Radspurnetz stetig. Seit 2002 hat es sich auf 125 Kilometer mehr als verdreifacht. Bis 2011 sollen nach Angaben des Senats noch einmal 30 Kilometer hinzukommen. So wundert es nicht, dass inzwischen 13 Prozent aller Wege in Berlin mit dem Rad zurückgelegt werden, im Innenstadtbereich ist es sogar ein Viertel.

Die wachsende Fahrradfreundlichkeit der Stadt hat sich bei den Touristen herumgesprochen, sagen die Vermieter einstimmig. „Inzwischen ist es zu einer Art Markenzeichen für Berlin geworden, dass man hier gut Rad fahren kann“, sagt gar „Berlin on Bike“-Inhaber Wollenberg. Was für Venedig die Gondeln, seien für Berlin die Fahrräder.

Vermietet werden längst nicht mehr nur normale Fahrräder. Immer häufiger begegnen einem auf Berlins Straßen auch Gefährte, auf denen sich mehrere Menschen strampelnd im Kreis gegenübersitzen. „Conference-Bikes“ heißen die im Fachjargon – man kann sich eben während der Fahrt miteinander unterhalten. Wer während der Fahrt auch noch ein kühles Bier genießen will, mietet sich mit 15 Gleichgesinnten ein „Beer-Bike“. Das sieht aus wie ein Pferde-Planwagen mit angeschlossener Zapfanlage – nur eben ohne Pferde. Die Trinkwilligen müssen selbst strampeln, und Hochprozentiges ist untersagt. Schließlich bewegt man sich im Rahmen der Straßenverkehrsordnung.

Ein internationaler Trend, der in Berlin noch auf sich warten lässt, sind Elektrobikes, also Fahrräder mit elektrischem Hilfsmotor. Vereinzelt gebe es Anfragen von Touristen, sagt Wollenberg. Es seien aber zu wenige, als dass sich die Anschaffung lohne.
Für eher kleine Marktteilnehmer wie „Mietradmitte“ sind Conference- oder Elektrobikes ohnehin kein Thema. Stephan Raffke, der seine Mieträder ohnehin in Schuss halten muss, bietet einen Reparaturservice auch unabhängig vom Verleih an und will ihn nach und nach ausbauen.

Simon Frost


Aus der Ausgabe 7 / 2010

Zurück