Letzter Aufruf Tempelhof
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Windrose-Chef Thomas Stillmann: »Wir stehen einem Monopolisten gegenüber.« Foto: Mike Wolff |
In Thomas Stillmann brodelt es. Er gibt sich keine Mühe, das zu verbergen, so demonstrativ, wie er den Ärmel seines Jackets über die Uhr schiebt, wie er die Augenbrauen hochzieht und sagt: „Jetzt werden wir ja sehen, wie lange man braucht, um da raus zu fahren.“ Der Chef der Windrose Air sitzt im Fond einer schwarzen Limousine, es geht vom Flughafen Tempelhof nach Schönefeld.
Natürlich weiß Stillmann, dass sie genau eine halbe Stunde dauert, die Fahrt zum neuen Firmensitz. Er ist die Strecke schon oft gefahren und er guckt dabei immer auf die Uhr. Zeit ist ein ganz entscheidender Faktor für einen Unternehmer, der Privatjets an Geschäftsleute vermietet, die keine Lust haben, auf die Linienmaschine zu warten. Ein Luxus, der bisher vor allem deshalb attraktiv war, weil die Flugzeuge mitten in Berlin starteten.
Die Windrose ist eines der letzten Unternehmen, die Tempelhof verlassen. Thomas Stillmann hat mehr als zehn Jahre für den Flughafen gekämpft. Er hat sich in der „Initiative City Airport Tempelhof“ engagiert und die Wahlkampagnen zum Volksentscheid mitfinanziert. Er hat vor Gericht gegen die Schließung geklagt. Die Klage zog er wegen mangelnder Erfolgsaussichten zurück, der Volksentscheid ging verloren. Stillmann ist ein schlechter Verlierer. „Ich habe zur Kenntnis genommen, dass Fehlinformationen dazu geführt haben, dass wir die erforderliche Mehrheit nicht erreicht haben“, so drückt er sich aus.
Trotzdem streitet er sich weiter mit der Flughafengesellschaft. Jetzt, wo die andere Seite gewonnen habe, meint er, könnten sie sich ihm gegenüber großzüger verhalten. Keinen Cent habe er zur Unterstützung seines Umzugs erhalten. Die Mieten am neuen Standort seien doppelt so hoch wie bisher. „Wir stehen einem Monopolisten gegenüber“, klagt Stillmann. Am meisten ärgert er sich darüber, dass sein Jetcharter nach Schönefeld ziehen muss, während die Linienflieger noch mehrere Jahre lang vom zentraleren Flughafen Tegel aus starten dürfen. Das verzerre den Wettbewerb zu seinen Ungunsten.
Man gefährdet hier bewusst die Existenz einer ganzen Branche
Es hat wieder dreißig Minuten gedauert, bis sein Wagen vor dem GAT, dem Terminal der Geschäftsflieger, hält. Es könnte schneller gehen: Die neue Autobahn 113 führt direkt am GAT vorbei. Nur gibt es hier noch keine Ausfahrt. Windrose-Kunden, die aus Berlin kommen, müssen in Schönefeld-Süd abfahren und einen Umweg über die Landstraße nehmen. „Zehn Minuten“, sagt Stillmann und guckt wieder demonstrativ auf die Uhr. „Man hat sich in unser Marktsegment überhaupt nicht hineingedacht. Man gefährdet bewusst die Existenz einer Branche.“
Sein Ton klingt oft leicht beleidigt, manche Leute sagen: arrogant. In seinen Worten schwingt aber auch Angst mit, Angst vielleicht davor, dass alles zusammenbrechen könnte, zum zweiten Mal. Thomas Stillmann ist in der DDR aufgewachsen und hat im System Karriere gemacht. Nach dem Wirtschaftsstudium berief man ihn zum Leiter des Direktionsbüros im Interhotel. Später war er in der staatlichen Künstleragentur für die Auslandsreisen zuständig. Die Wende erlebte er als „Erdbeben“. Er zog nach West-Berlin, wo er durch Zufall diese Leute kennenlernte, die eine Cesna 421 besaßen und keine Zeit hatten, etwas damit anzufangen.
Thomas Stillmann machte aus der Cesna den ersten Business Jet Charter Berlins, wo bis zum Mauerfall kein Privatflugzeug landen durfte. Stillmann besorgte die Genehmigung, stellte Piloten ein und warb Kunden an. Die Flugzeuge hätten ihn gereizt, sagt er, „weil ich da etwas aufbauen konnte, das bei null anfing“.
Adresse: Tempelhofer Damm 1–7, 12101 Berlin
Umsatz: k.A.
Mitarbeiter: 60
Telefon: 030 / 69 51 24 00
Web: www.windroseair.de
Heute ist er Geschäftsführer von 60 Mitarbeitern. Die Windrose Air hat Niederlassungen in Leipzig und in Poznan in Polen. Zur ständigen Flotte zählen zwölf Maschinen, alle luxuriös ausgestattet. Dazu kommen Extras wie der Abholservice mit der schwarzen Limousine und ein Begrüßungsgetränk auf dem Silbertablett. Die Serviette dazu ist bedruckt mit einem Nostalgie-foto von Tempelhof.
Stillmann ist Perfektionist. Einen Fleck an der Wand, wo die Farbe nicht gleichmäßig aufgetragen wurde, entdeckt er sofort. Es macht ihn wütend, dass seine Gäste für die nächsten Jahre auf einer Baustelle einchecken werden. Das Rollfeld hinter dem GAT sieht heute, zwei Wochen vor der Tempelhof-Schließung, immer noch aus wie eine mit Kratern durchzogene Mondlandschaft. Dann der Innenraum: Wo man in Tempelhof über Marmor ging, liegt hier schnöde Auslegware in blau-grau.
Nach seinem Rundgang durch das neue Gebäude scheint Stillmann etwas versöhnt. Die Räume sind groß und hell, die Mitarbeiter werden hier besser als vorher zusammenarbeiten können. „In Schönefeld können wir 24 Stunden lang starten und landen.“
Miriam Schröder
Aus der Ausgabe 9 / 2008
