Ständiges Auf und Ab

Das Schiffshebewerk Niederfinow wird durch ein größeres ersetzt. Es ist das zweitteuerste Bauvorhaben in Ostdeutschland
Der Schiffsfahrstuhl verrichtet seit 75 Jahren seinen Dienst. Foto: dpa

Wer den Sonntagsausflug mit Freunden und Verwandten ins Land Brandenburg zum makellosen Erfolg machen will, fährt nach Niederfinow. Denn dort bleiben garantiert bei jedem Mitreisenden Mund, Augen und Ohren offen. Fasziniert stehen Besucher jeden Alters vor dem stählernen Koloss, der dort seit 75 Jahren große und kleine Schiffe auf den Berg oder ins Tal befördert.

Das ist durchaus keine übertriebene Beschreibung der Vorgänge im Schiffshebewerk. Die im 24-Stunden-Schichtbetrieb eingesetzte Mannschaft unterscheidet in ihrer Statistik genau diese Punkte. Wer auf dem Oder-Havel-Kanal aus Richtung Berlin nach Osten will, fährt mit dem Fahrstuhl ins Tal, während es umgekehrt bergauf geht. Immerhin 36 Meter beträgt hier der Höhenunterschied zwischen den Erhebungen des Barnims und dem einem flachen Teller ähnelnden  Oderbruch. Das passiert in gerade einmal fünf Minuten. Die Anziehungskraft dieses Wunderwerks der Technik, zu dem jährlich rund 150 000 Neugierige pilgern, dürfte in den nächsten Jahren noch steigen. Bis 2014 entsteht in der Nachbarschaft ein noch gigantischeres Hebewerk.

Wir sind stolz auf dieses Zeichen voller Optimismus

Bei der Grundsteinlegung im März sprach Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee respektvoll von einer „alten Dame“, die langsam in den verdienten Ruhestand gehen könne. „Allerdings bedeutet dieser keinen Abriss“, versicherte der Minister. Das 1934 eröffnete Schiffshebewerk steht unter Denkmalschutz und soll für Wassersportler in Betrieb bleiben. Für die sich im Aufwind befindliche Binnenschifffahrt aber ist Niederfinow in den vergangenen Jahren zu einem Nadelöhr geworden.

Der Vergleich mag auf den ersten Blick etwas irritieren. Schließlich denkt bei einem fast 55 Meter hohen und 33,5 Meter breiten stählernen Ungetüm niemand an ein Nadelöhr. „Doch damit meinen wir vor allem die begrenzte Kapazität des Fahrstuhltroges“, erklärt Rolf Dietrich, Leiter des Wasserstraßen-Neubauamtes (WNA) Berlin, das für den Neubau auf dem 7200 Quadratmeter großen Areal zuständig ist.

Während in die Wanne der „alten Dame“ nur Schiffe bis zu einer maximalen Länge von 82 Metern und einer Breite von 9,50 Metern passen, können künftig auch viel größere Pötte zwischen dem Ruhrgebiet, Berlin und dem Ostseehafen Stettin verkehren. Denn der neue Schiffsfahrstuhl bietet Platz für bis zu 115 Meter lange und 11,45 Meter breite Lastkähne.

Entsprechend hoch liegen die Baukosten. Mit 285 Millionen Euro rangiert das Vorhaben auf der Liste der größten Investitionen in Ostdeutschland nach dem Großflughafen in Schönefeld auf Platz zwei. „Gerade in diesen Zeiten, in denen überall von Rezession und Depression die Rede ist, sind wir stolz auf dieses Zeichen des Optimismus“, sagte Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck. Tatsächlich stand der Bau auf Grund der hohen Kosten lange auf der Kippe. Immerhin waren im Jahre 2003 lediglich 165 Millionen Euro veranschlagt gewesen.

Doch der Verzicht auf den Transrapid hat dem Schiffshebewerk ebenso geholfen, neue Gelder zu  akquirieren, wie die im Jahre 2008 gute Entwicklung der Binnenschifffahrt. Im Vorjahr passierten 5172 Güterschiffe, 4236 Fahrgastschiffe und 3901 Freizeitboote das „Nadelöhr“. Die beförderte Gütermenge lag mit 2,2 Millionen Tonnen um 15 Prozent höher als 2007. Das neue Hebewerk wird auf eine jährliche Kapazität von 4,4 Millionen Tonnen ausgelegt.

Firmeninfo
| Schiffshebewerk Niederfinow |
Leitung: Jörg Schumacher
Adresse: Hebewerkstraße 18,
16248 Niederfinow
Mitarbeiter: 24
Telefon: 033362 / 215
Web: www.wsa-eberswalde.de

Profitieren sollen nicht nur die Binnenschiffer und die Häfen in Eberswalde und Stettin. Während der Bauzeit sind im Schnitt jeden Tag 200 Arbeiter im Einsatz. Eine Vielzahl kommt von regionalen Firmen. Über deren Arbeit wird in einem Besucherzentrum informiert. Die Besucher können neue und alte Technik miteinander vergleichen. Wesentlich unterscheiden sie sich nicht voneinander. Die in den Zwanzigerjahren für das erste Schiffshebewerk am Oder-Havel-Kanal entwickelten physikalischen Prinzipien gelten heute noch als beste Lösung. So wird der Trog auch in der neuen Konstruktion an vielen Stahlseilen gehalten. Die Wanne selbst wird hauptsächlich durch Gegengewichte aufwärts und abwärts bewegt. Allerdings werden pro Tag nur sechs statt wie bisher 24 Hebewerker benötigt.
„Ich wünsche mir außerdem einen regelrechten Baustellentourismus“, sagt der Barnimer Landrat Bodo Ihrke. Im Besucherzentrum gibt es deswegen auch Informationen zu weiteren Zielen in der Umgebung. Gleich um die Ecke liegen das Kloster Chorin, der Eberswalder Zoo und Oderberg mit seinem Schifffahrtsmuseum.

Claus-Dieter Steyer


Aus der Ausgabe 6 / 2009

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