Der Schatten geht mit

Beim Shadowing beobachten Coaches ihre Klienten am Arbeitsplatz. Vor allem die Kollegen reagieren oft mit Argwohn
Stets zur Seite: Beim Shadowing beobachtet ein Berater den Arbeitsalltag. Foto: dpa

Sie folgen ihren Kunden im Job auf Schritt und Tritt, begleiten sie zu Besprechungen, lauschen Telefonaten und Gesprächen mit Mitarbeitern und Vorgesetzten, hören zu, wenn der Klient einen Vortrag vor Publikum hält: Beim „Shadowing“ heften sich Businesscoaches wie ein Schatten an Angestellte, Geschäftsführer oder Selbstständige, um sich ein authentisches Bild von der Arbeitswelt des Kunden zu machen.

Auch die Berliner Managementtrainerin und Businesscoach Sandra Heinzelmann wird immer wieder als „Schattenfrau“ gebucht. Je nach Auftrag begleitet sie ihre Kunden stundenweise oder ganze Tage im Job – offen oder inkognito. Die 47-Jährige ist dabei, wenn ihre Klienten die Firma betreten, folgt ihnen in die Kantine oder sitzt mit ihnen am Schreibtisch.

Vor allem Führungskräften bleibt ein ehrliches Feedback in der Firma häufig verwehrt

„Ich spiele nur Mäuschen, halte mich absolut im Hintergrund, beobachte den Kunden mit allen Sinnen und dokumentiere meine Eindrücke“, sagt Heinzelmann. Ziel der „Beschattung“ ist es, den Kunden in seinem realen Arbeitsalltag zu erleben – und so individuellen Schwierigkeiten in der Jobwelt auf den Grund zu gehen. „Oft soll ich herausfinden, wie es um das Verhältnis und die Kommunikation zwischen Kollegen und Chefs oder um Führungsqualitäten bestellt ist“, erzählt Sandra Heinzelmann. „Und viele Kunden wollen wissen, wie sie auf andere wirken.“

Im Gegensatz zu Businesscoachings, bei denen der Kunde dem Trainer über seine Probleme berichtet, könne sich der Coach beim Shadowing durch die eigene Anschauung ein Bild vom Klienten und seinem professionellen Umfeld machen, erläutert Heinzelmann. Der Kunde habe dadurch die Chance auf die realistische Beurteilung der Lage durch einen unabhängigen Dritten. „Vor allem Führungskräften bleibt ein ehrliches Feedback innerhalb der Firma häufig verwehrt“, sagt Heinzelmann. Mitarbeiter hielten sich aus Angst um die eigene Stellung oder vor Machtkämpfen mit Kritik zurück.

Firmeninfos
| Sandra Heinzelmann |
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Bundesverband Deutscher
Unternehmensberater (BDU)

Präsident: Antonio Schnieder
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53113 Bonn
Telefon: 0228 / 916 10
Web: www.bdu.de

Heinzelmann berichtet von einer Geschäftsführerin, die die Ursachen für die hohe Mitarbeiterfluktuation in ihrem Unternehmen mithilfe eines Shadowings unter die Lupe nehmen wollte. Das Ergebnis von Heinzelmanns Beschattung: Die Topmanagerin brachte Kollegen und Führungskräften im täglichen Umgang wenig Wertschätzung entgegen. Das wirkte sich negativ auf das Klima und die Arbeitsprozesse aus. „Die Kundin war sich ihres Verhaltens gar nicht bewusst“, sagt Heinzelmann. „Meine Analyse war für sie ein Schock.“
 
Ungefähr die Hälfte von Sandra Heinzelmanns Kunden kommen selbst auf die Idee, sich von ihr beschatten zu lassen und bezahlen das Shadowing aus privater Tasche. „Für sie steht der Wunsch im Vordergrund, sich am Arbeitsplatz zu verbessern. Dabei geht es nicht immer um Konflikte, sondern oft auch um die Arbeitsorganisation“, sagt Heinzelmann, oder um ein unausgeglichenes Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben.

Eine Stunde professionelle Beschattung kostet bei der 47-Jährigen für Privatpersonen 100 Euro. Gibt ein Unternehmen das Shadowing in Auftrag, werden dafür pro Stunde bis zu 225 Euro fällig.

Der Kunde entscheidet, ob er seine Beschattung im Unternehmen publik machen will. „Nicht jeder möchte das“, sagt Heinzelmann. In einem solchen Fall wissen nur der Kunde und dessen Vorgesetzte, dass der Businesscoach zum Shadowing in die Firma kommt. „Das Coaching im Unternehmen hat generell ein schlechtes Image“, sagt auch Stephan Teuber, Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater (BDU). „Viele Leute glauben, dass ihnen ein Makel unterstellt wird, wenn sie sich öffentlich coachen lassen.“ Heinzelmann plädiert dennoch für Transparenz. „Wer offen zu seinem Shadowing steht, sendet damit ein positives Signal an seine Kollegen und Chefs nach dem Motto: Schaut her, ich arbeite an mir!“

Wenn Sandra Heinzelmann ihren Auftraggeber ganz offiziell und mit Vorankündigung im Betrieb über die Schulter schaut, schlägt dem Businesscoach regelmäßig Argwohn entgegen – und zwar von Seiten der Belegschaft. „Die meisten Vorbehalte gegen mich kommen aus dem professionellen Umfeld des Kunden“, sagt Heinzelmann. „Am Anfang drehen sich die Kollegen nach mir um, vergessen dann aber recht schnell, dass ich da bin“, erzählt sie. Dagegen könne jemand, der sich einmal für ein Shadowing entschieden habe, unbefangener mit der Situation umgehen: „Er erlebt den Beobachter als Spiegel.“

Sarah Kramer


Aus der Ausgabe 7 / 2010

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