Leichte Bewölkung

Zu weit weg, zu viel Fachsprache: Der Mittelstand erwärmt sich nur langsam für Dienstleistungen in der Cloud. Das bestätigten Gäste des Cloud-Forums im Tagesspiegel-Verlagsgebäude
Noch nicht auf vollen Touren: Viele Mittelständler betrachten Cloud-Computing mit Skepsis.
Foto: Kai-Uwe Heinrich





Die Cloud kann viel: Unter diesem Sammelbegriff versteht man allerlei Software und Datenspeicherplätze, die Privatpersonen und Unternehmen ins Internet auslagern können. Den klassischen Mittelstand erreicht sie aber noch nicht richtig. Laut einer Studie des Unternehmens HP sehen zwei Drittel aller kleinen und mittelständischen Unternehmen in Deutschland in den technischen Lösungen keine Vorteile. Die Frage, warum das so ist, beschäftigte Spezialisten, die sich im Rahmen des Cloud-Forums Ende April im Tagesspiegel-Verlagsgebäude trafen. Das liege auch an der Schwierigkeit, die Cloud zu erklären, sagte Helmut Burger, Leiter IT-Management beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag. „Die Experten in diesem Bereich bedienen sich einer Fachsprache, eines Denglisch. Der Mittelstand muss da herangeführt werden.“

Die emotionale Sicherheit spielt da eine große Rolle

Berlin sei da tendenziell nicht anders als andere Regionen Deutschlands, sagte Mathias Petri, stellvertretender Vorsitzender des mittelständischen IT-Branchenverbandes SIBB. „Die Ängste und Bedürfnisse sind gleich, viele können mit dem Begriff Cloud nicht so viel anfangen.“ Für das Berliner Systemhaus Dynabit und dessen Wolke liegt der Schlüssel zu mittelständischen Kunden demzufolge auch in der persönlichen Beratung. „Bei einem Systemhaus wie uns und Google ist die Rechenleistung die Gleiche“, erklärte Geschäftsführer Marius Brzezinski, „aber bei uns ist die Beratung besser“. Ein anderer Vorteil des mittelständischen Anbieters sei die lokale Speicherung der Daten. „Der Server steht vor der Tür, die emotionale Sicherheit spielt da eine große Rolle.“

Dem entgegnete Michael Korbacher, der für Google Enterprise im deutschsprachigen Raum zuständig ist, so weit sei die Wolke von kleinen Unternehmen nicht entfernt. Die Cloud-Anwendungen seines Unternehmens hätten seit 2007 in Deutschland zur Gründung von 28 000 Unternehmen geführt. Das hat eine kürzlich von Google beauftragte Studie ergeben. In Berlin gebe es eine hohe Nachfrage nach Angeboten aus der Cloud, weil ihre Anwendungen vor allem für die starke Gründerszene ein Vorteil seien, sagte Wolfgang Both von der Senatsverwaltung für Wirtschaft. Gründer bräuchten häufig schnelle, kostengünstige Lösungen, die sich an ihr Wachstum anpassten. „Weil die Cloud ihnen Dienstleistungen abnimmt, können sich Gründer auf ihre Geschäftsidee konzentrieren.“

Termin
| Capital CLoud Award |
Am 14. Juni findet der Kongress „Services for Industries“ des Branchenverbandes SIBB statt. In diesem Rahmen zeichnet der SIBB erstmalig die innovativsten Cloud-Lösungen in der Region aus. Unternehmen aus Berlin und Brandenburg können sich bis zum 8. Juni online bewerben. Prämiert werden das beste Cloud-Angebot sowie die beste Umsetzung von Cloud IT. Mehr Infos unter www.sibb.de

Hendrik Schneider ist einer dieser kleinen Unternehmer, der die Flexibilität der Wolke zu schätzen weiß. Schneider ist Geschäfts-
führer der Berliner Yoove Mobility GmbH, die E-Fahrzeuge vermittelt. Ende März 2010 stand er – vier Tage nach der Unternehmensgründung – bei Dynabit auf der Matte und kaufte ein Kundenmanagementsystem ein, das sofort verfügbar sein sollte. Heute sind für Yoove Mobility mehrere Dienste dazugekommen „Das ist kostentechnisch relativ günstig, fast wie eine Raummiete“. Doch beim Thema Sicherheit sollte man sich auch als junges Unternehmen sofort Gedanken machen und sich entsprechend schützen. „Man muss sich mal angucken, wo junge Start-ups ihre Server stehen haben – teilweise im Wohnzimmer oder in der Garage.“ Mehr Schulungen zum Thema Datensicherheit seien unabdingbar.

Währenddessen überwiegt auf der Anbieterseite die Forderung nach Harmonisierung der Datenschutzgesetze. Bernd Becker, Vorstandssprecher des Verbandes Eurocloud Deutschland eco, sprach sich mindestens für eine europaweite Angleichung aus, bis ein weltweites „Kyoto-Abkommen über Datenschutz“ erreicht sei. Langfristig führe kein Weg an der Cloud vorbei, so Becker, der zertifizierte Dienstleister empfiehlt. Die wachsende Datenmenge werde irgendwann alle Anwender dazu bringen, Daten ins Netz zu übertragen. „Die Cloud ist unumkehrbar.“

Constance Frey
constance.frey@tagesspiegel.de


Aus der Ausgabe 6 / 2012

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