Gratisblätter mit Anspruch
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Jennifer Becker macht ein Magazin über die Berliner Galerienszene.
Foto: promo |
In der Redaktion des Kunst Magazin Berlin fühlt man sich schnell heimisch. Kein Wunder, die elf Arbeitsplätze sind in einer gemütlichen Kreuzberger Altbauwohnung mit Dielen und Flügeltüren untergebracht. Im Erkerzimmer hatte Magazingründerin und Chefredakteurin Jennifer Becker noch vor kurzem ihr Bett stehen, jetzt befindet sich dort ein großer Tisch. „Mein Chefschreibtisch“, lacht die 41-Jährige.
Das Magazin hat Jennifer Becker aus ihrer Wohnung gedrängt. Denn weil das im Frühjahr 2006 gegründete Blatt wächst und mittlerweile acht Mitarbeiter einen Schreibtisch brauchen, ist kein Platz mehr für privates Wohnen übrig. Das Kunst Magazin ist ein Beispiel für ein anzeigenfinanziertes Blatt, das sich auf dem hart umkämpften Berliner Markt erfolgreich etabliert hat.
„Ich habe in meiner Wohnung angefangen, weil ich den Etat nicht von Anfang an mit teuren Bürokosten belasten wollte“, erzählt Becker. Sie hat irgendwann eine Ausbildung im Gesundheitswesen absolviert, dann im Musikgeschäft gearbeitet. Doch der Branche ging es zusehends schlechter, sie suchte eine neue Idee und fand sie in Berlin. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass es zwar Kunstmagazine in Hülle und Fülle gab, aber keines, das sich gezielt an den wachsenden Berliner Kunstmarkt richtete. Die Stadt hat die höchste Galeriendichte der Welt und der Boom scheint noch nicht vorbei zu sein: „Wir zählen regelmäßig die Galerien, allein zwischen Anfang März und Ende April diesen Jahres stieg ihre Zahl von 632 auf 666“, sagt Jennifer Becker.
Ihr Magazin ist ein monatlicher Führer durch die Berliner Kunstszene. Vorne ein redaktioneller Teil mit thematischen Schwerpunkten wie Lust, Tabu oder Ausbildung in der Kunst. Im hinteren Teil gibt es einen Guide über laufende Ausstellungen, in den nur Galerien aufgenommen werden, die dafür bezahlen. Offenbar geht das Konzept auf: Das Format hat sich seit dem Start vom halben Din A5 Format auf Din A5 verdoppelt. Die Zahl der Seiten ist auf 68 gestiegen, bei einer Auflage von 30 000 Heften. Becker hebt hervor, dass sich nicht nur die Quantität, sondern auch die Qualität entwickelt habe: „Wir konnten zum Beispiel Michael Diers als Autor gewinnen, der an der Hamburger Kunsthochschule und der Humboldt-Uni Kunst- und Bildgeschichte lehrt.“
Ein Magazin, dass auf dem Berliner Markt überleben will, braucht hohe Qualität, sagt Stefan Pietzonka, Geschäftsführer der Verlagsgesellschaft Stadtkind, die das gleichnamige kostenlose Stadtmagazin herausgibt. „Keine andere Stadt hat so hochwertige kostenlose Print-Magazine wie Berlin“, sagt der 31-Jährige. Der Wettbewerb um Anzeigenkunden sei daher härter als anderswo.
„Einerseits ist Berlin mit seinen Dreieinhalb Millionen Einwohnern ein interessanter Markt“, erklärt Pietzonka, „andererseits gibt es weniger Kaufkraft als in Hamburg oder München.“
Dennoch habe sich das Magazin Stadtkind, das ebenfalls 2006 startete, gut entwickelt. Neben Ausgehtipps bringt das Magazin Rezensionen und Service-Themen zum Beispiel für Studenten. Der Umfang wuchs von 52 auf rund 100 Seiten, die Auflage liege jetzt bei 40 000 Exemplaren, berichtet Pietzonka. Elf feste Mitarbeiter habe das Magazin, plus ein Dutzend freie Autoren. Verteilt wird Stadtkind, wie auch das Kunst Magazin, über den Berliner Dienstleister Dinamix. Der verteilt Magazine und Flyer je nach Zielgruppe in Kneipen und Restaurants oder eben Galerien und Museen.
Die Tatsache, dass sie sich am Markt behaupten, erklären beide Magazinmacher mit ihrer jeweiligen Zielgruppe. „Wir sprechen die für unsere Anzeigenkunden besonders interessante Altersgruppe zwischen 20 und 40 an“, sagt Stefan Pietzonka. Und Kunstinteressierte, die in Jennifer
Beckers Magazin blättern, gelten ohnehin als gut gebildete Vielverdiener.
Alexander Visser
Firmeninfo
Bewerbungen von freien Mitarbeitern willkommen
Kunst Verlag Berlin
Geschäftsführerin: Jennifer Becker
Telefon: 030 / 61 20 23 24
Web: www.kunstmagazinberlin.de
Stadtkind Verlagsgesellschaft
Geschäftsführer: Stefan Pietzonka
Telefon: 030 / 66 76 67 26
Web: www.stadtkind.de
Aus der Ausgabe 8 / 2008
